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Touristik zwischen KI, Bürokratie und Kostendruck

Vor der Anhörung des Tourismusausschusses am 23. September zeichnen Verbände, Touristiker und Wissenschaft ein ähnliches Bild: Kleine Reisebüros und Veranstalter stehen unter Druck durch Bürokratie, Kosten, Fachkräftemangel, Plattformen und KI. Zugleich sehen sie Chancen in Spezialisierung, persönlicher Beratung und dem gezielten Einsatz neuer Technik.

Die Ausgangslage beschreibt Tourismusprofessor Nico Stengel von der Hochschule Kempten mit Zahlen: In Deutschland gibt es schätzungsweise 7.000 bis 8.000 Reisebüros, davon rund 5.000 unabhängige, inhabergeführte Betriebe. Der Reisebüroumsatz lag 2025 bei 21 Milliarden Euro. Viele Büros arbeiten mit lediglich zwei bis drei Vollzeitkräften.

Als zentrale Probleme nennt Stengel Preis- und Margendruck, gedämpfte Nachfrage, Fachkräftemangel und den wachsenden Wettbewerb durch Online-Portale und KI. Reisebüros könnten dagegen mit persönlicher Beratung, Krisenhilfe und Kundenbindung punkten.

KI soll entlasten, nicht verdrängen

Auch der Deutsche Reiseverband sieht KI vor allem als Werkzeug, um repetitive Aufgaben zu beschleunigen. Reiseveranstalter nutzten sie bereits für Kundenanfragen, Angebote, Marketing oder Kataloge. Gleichzeitig warnt DRV-Präsident Albin Loidl vor einer stärkeren Marktmacht globaler Technologiekonzerne und dem Abfluss wertvoller Daten.

Ähnlich argumentiert der VUSR. KI könne kleinen Unternehmen Zeit für Beratung und Kundenbindung verschaffen, glaubt die Vorsitzende Marija Linnhoff. Voraussetzung seien ein bezahlbarer Zugang, Qualifizierung sowie offene Schnittstellen und Datenstrukturen. Kritisch sieht der Verband, wenn wenige Plattformen darüber entscheiden, welche Reiseangebote Kunden über KI überhaupt zu sehen bekommen.

Reisebüroinhaberin Peggy Hähnel sieht in der Kombination aus Technik und persönlicher Expertise sogar einen Vorteil für kleinere Büros. Spezialisierung auf bestimmte Zielgruppen oder Reisearten, Erreichbarkeit und individuelle Beratung könnten sie von großen Plattformen abheben, schreibt sie.

Kleine Betriebe kritisieren Bürokratielast

Deutlich wird in den Stellungnahmen auch die Kritik an der Regulierungsdichte. Renatour-Inhaber Roland Streicher fordert mit Blick auf die neuen Empco-Regeln einen Positiv-Leitfaden für zulässige Nachhaltigkeitsaussagen und eine Übergangsfrist ohne Abmahnrisiko. Ziel dürfe nicht sein, engagierte Unternehmen aus Angst vor rechtlichen Folgen aus der Nachhaltigkeitskommunikation zu drängen.

Scandtrack-Touristik-Chef Jens Freudenberg beziffert den Aufwand für seinen Fünf-Personen-Betrieb drastisch: Nach eigener Schätzung fließen 35 bis 40 Prozent der Arbeitszeit in Verwaltung, Nachweise und Meldungen, entsprechend rund zehn Prozent des Umsatzes. Er fordert unter anderem abgestufte Pflichten nach Unternehmensgröße und den Grundsatz "Hinweis vor Sanktion" bei neuen Vorgaben.

Auch bei der Insolvenzabsicherung und dem Pauschalreiserecht sieht Freudenberg kleine Veranstalter benachteiligt. Vorgaben müssten mit Standardsystemen umsetzbar sein und dürften nicht dieselben Strukturen voraussetzen wie bei Konzernen.

Diskussion über Vergütung und Handelsvertreterstatus

Der VUSR stellt zudem das traditionelle Handelsvertretermodell zur Diskussion. Viele unabhängige Reisebüros handelten heute unternehmerisch eigenständig, investierten in Technik und Marketing und trügen ihr eigenes Risiko, beschreibt Linnhoff die Lage. Diese Entwicklung müsse sich auch in den rechtlichen Rahmenbedingungen widerspiegeln.

Der Verband erwartet außerdem, dass Service- und Beratungsentgelte stärker Teil künftiger Geschäftsmodelle werden. Qualifizierte Beratung könne angesichts steigender Kosten nicht dauerhaft als kostenlose Leistung betrachtet werden.

Trotz der Belastungen sehen die Stellungnahmen grundsätzlich Zukunftschancen für kleinere Anbieter. Persönliche Beratung, Spezialisierung, Vertrauen und Krisenhilfe bleiben aus ihrer Sicht zentrale Vorteile – vorausgesetzt, Regulierung, Digitalisierung und Wettbewerb lassen dafür genügend wirtschaftlichen Spielraum.

Die Sitzung ist öffentlich und wird auf www.bundestag.de übertragen. Die Stellungnahmen der Teilnehmer finden Interessierte hier.

Christian Schmicke