Reisebüros stehen vor einem umfassenden Umbruch oder befinden sich, wie die gesamte Touristik, bereits mittendrin. Für Mirschel ist mit künstlicher Intelligenz die entscheidende Entwicklung längst im Alltag der Kunden angekommen, wie er in einem Impulsvortrag im Rahmen der RTG-Tagung in Mainz deutlich machte. Viele Menschen hätten mit KI bereits einen neuen virtuellen, digitalen Reiseberater, der Bedürfnisse, Vorlieben und Reisehistorien mit der Zeit immer besser kennenlerne. Wer auf das Prinzip Hoffnung setze, riskiere seine Zukunft, so Mirschel.
Wie schnell sich das Verhalten der Konsumenten verändert, verdeutlicht er mit Zahlen einer internationalen Phocuswright-Auswertung zur Nutzung von KI für die Reiseplanung, Buchung oder Unterstützung unterwegs. Danach stieg der Anteil von 33 Prozent im ersten Halbjahr 2025 über 43 Prozent im zweiten Halbjahr auf 56 Prozent im ersten Halbjahr 2026. Zu glauben, das Thema gehe am Reisevertrieb vorbei, könne "der größte Trugschluss sein, den wir in der Touristik je erlebt haben".
Vom Fragen zum Buchen
KI beschränke sich längst nicht mehr darauf, Texte zu schreiben, Inspiration zu liefern oder Routen auszuarbeiten. Die Funktion "Frag mich etwas" werde zunehmend zu "Buch das für mich". Systeme könnten Reiseanforderungen auswerten, Empfehlungen geben und künftig immer schneller selbst handeln. Dabei würden die Anwendungen stetig besser. Sich über Fehler der Systeme zu freuen oder in Sicherheit zu wiegen, hält Mirschel deshalb für gefährlich. "Die Assistenten werden immer besser und die Fehlerquoten kleiner", so der Berater.
Perspektivisch könnten KI-Systeme zudem weit mehr Daten einbeziehen als klassische Reiseprofile – etwa Fotos, Kalenderinformationen oder Daten von Smartwatches. Damit könnten sie womöglich erkennen, wann jemand eine Auszeit braucht, und passende Angebote proaktiv unterbreiten. "Die KI ist über unsere Vorlieben umfassender und besser informiert, als wir selbst", ist Mirschel sicher.
Vertrauen statt Informationsfülle
Trotzdem sieht der Experte für Reisebüros gute Chancen. Denn wenn Wissen und Inspiration im Überfluss vorhanden seien, würden andere Fähigkeiten wertvoller. "Glaubwürdigkeit, Einordnung, Vertrauen, Authentizität und Reduktion der Flut an Optionen sind in der Zukunft gefragte Fähigkeiten", so Mirschel.
Gerade bei Reisen als emotionalem Produkt gehe es nicht darum, Kunden möglichst viele Möglichkeiten aufzuzählen. "Ich will niemanden, der mir einfach 30 Hotels auflistet", sagt der Touristikexperte. Gefragt sei vielmehr jemand, "dem ich zutraue, mir von 28 guten Gewissens abraten zu können". Darin liege eine Stärke persönlicher Beratung. Reisebüros könnten Empfehlungen einordnen, Verantwortung übernehmen und aus einem Überangebot das Passende auswählen. Dazu kämen menschliche Faktoren wie Vertrauen und Emotionalität.
Spezialisierung macht Reisebüros sichtbar
Eine weitere Chance sieht Mirschel in klarer Positionierung. "Reisebüros sollten zeigen, wofür sie stehen, was ihre Kernwerte sind, wo die Expertise liegt und vor allem, was Eure Leidenschaften sind", appelliert er. Spezialisierung könne Kunden ansprechen, die ähnliche Interessen und Werte teilen. Gerade in einer zunehmend digitalen Welt wachse das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Authentizität werde wichtiger, wenn es immer schwieriger werde zu unterscheiden, "was in dieser Welt eigentlich noch echt" sei.
Sein Appell an Reisebüros lautet deshalb, die eigene Zukunft nicht der Technik oder den Vertriebspartnern zu überlassen. "Wartet bitte nicht darauf, dass KI eure eigene Rolle definiert", sagt Mirschel. Stattdessen müsse der Vertrieb selbst festlegen, wofür persönliche Beratung künftig steht. "Für Zeit, Service, Verantwortung und eine Empfehlung, hinter der ein Mensch steht", so der Berater von Realizing Progress.
Sabine Schreiber-Berger
