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6. Juli 2021 | 18:21 Uhr
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Die neuen Risiken der Luftfahrt aus besonderem Blickwinkel

"Eingerostete" Piloten, randalierende Passagiere, Insektenbefall – die Herausforderungen vor denen die Industrieversicherungs-Sparte der Allianz, AGCS, die Fliegerei sieht, muten mitunter skurril an. Dabei sind die Szenarien, die in einem neuen Bericht zusammengefasst sind, durchaus ernst gemeint.

Flugzeug

Der Neustart nach der Coronakrise bringt neue Risiken mit sich, sagt die Allianz-Sparte AGCS

Versicherungsunternehmen sehen die Welt mitunter anders als die übrigen Akteure des Wirtschaftsgeschehens. Das lässt sie bisweilen absonderlich erscheinen, aber immerhin fußen die Diagnosen der Versicherer in der Regel auf harten Zahlen. Und nicht zuletzt geben sie den Versicherten – in diesem Fall den Airlines – Hinweise darauf, wo ihre Versicherungspolicen in nächster Zeit teurer werden könnten.

Der Bericht zählt eine Reihe von Prognosen auf, wie Covid-19 die Branche umgestalten und langfristige Veränderungen in der Flottenzusammensetzung, den Flugrouten und der Passagiernachfrage bewirken könnte. Tatsächlich scheint etwa die fehlende Flugpraxis mancher Piloten sogar statistisch nachweisbar zu sein. Anfang dieses Jahres hätten Dutzende von Piloten Fehler, wie zum Beispiel mehrere Landeversuche, an das Aviation Safety Reporting System der NASA gemeldet. Als Grund hätten sie fehlende Flugpraxis angegeben. Immerhin: Fluggesellschaften seien sich bewusst, dass ihre Piloten durch die lange Zeit am Boden aus der Übung gekommen seien, und ergriffen Maßnahmen, um mögliche Risiken zu managen und zu mindern, heißt es weiter.

Auch die Rückkehr von Rundflügen in touristischen Destinationen könnte zu einem Anstieg des Risikos für kleinere Freizeitflugzeuge einschließlich Hubschraubern führen, führt der Versicherer weiter an. Dies gelte insbesondere, wenn es einen Zustrom neuer Piloten gebe, die mit den Routen und dem Terrain nicht vertraut seien. In den vergangenen Jahren habe es bereits eine Reihe von tödlichen Unfällen bei Rundflügen gegeben.

"Wut in der Luft"-Vorfälle nehmen zu

Wutausbrüche von Flugzeugpassagieren gäben „Anlass zur Sorge“, insbesondere in den Vereinigten Staaten, hat das versicherungsunternehmen weiter ermittelt. Im Durchschnitt gebe es etwa 150 Berichte über Störvorfälle von Passagieren in Flugzeugen. Bis Juni 2021 seien es laut der Federal Aviation Administration 3.000 – die meisten davon hätten Passagiere betroffen, die sich weigerten, eine Maske zu tragen. Passagiere, die sich nicht an die geltenden Regeln an Bord halten wollten, könnten in diesen Fällen später behaupten, sie seien von der Fluggesellschaft diskriminiert worden, selbst wenn sie im Unrecht gewesen seien. Dies sei „ein Trend, den Versicherer im Auge behalten müssen“, sagt Till Kürschner, Schaden-Chef der AGCS für die Luftfahrtversicherung in Zentral- und Osteuropa.

Gefahren durch geparkte Flotten

Obwohl ein großer Teil der weltweiten Airline-Flotte während Covid-19 geparkt worden sei – und größtenteils immer noch am Boden ruhe – verschwänden die Schadenrisiken nicht, urteilt AGCS weiter. Sie veränderten sich nur. Geparkte Flotten könnten etwa Wetterereignissen ausgesetzt sein. Im Mai 2021 seien beispielsweise mehrere geparkte Boeing 737 Max 8 in Texas durch golfballgroßen Hagel beschädigt. Auch das Risiko von Rangier- oder Bodenzwischenfällen steige, was kostspielige Ansprüche nach sich ziehen könne. Zu Beginn der Pandemie habe es eine Reihe von Kollisionen gegben, als die Betreiber die Flugzeuge in die Lagereinrichtungen gebrach hätten. Weitere seien „wahrscheinlich, wenn Flugzeuge vor der Wiederverwendung erneut bewegt werden, so das Allianz-Unternehmen.

Eingelagerte Flugzeuge würden zwar in der Regel regelmäßig gewartet, um sicherzustellen, dass sie wieder einsatzbereit seien. Allerdings sei die Branche noch nie mit so vielen Flugzeuge gleichzeitig konfrontiert gewesen, die vorübergehend außer Betrieb genommen wurden. Insbesondere kleinere Fluggesellschaften könnten laut der AGCS-Studie bei der Reaktivierung von Flotten vor großen Herausforderungen stehen.

Pilotenmangel birgt Risiken

Zudem stehe die globale Luftfahrtindustrie mittel- bis langfristig vor einem Pilotenmangel auch wenn das überrasche, so der Bericht. In den kommenden zehn Jahren würden mehr als eine Viertelmillion Piloten benötigt. „Engpässe können dazu führen, dass Piloten mit wenig Erfahrung und einer geringen Zahl von Flugstunden Verkehrsflugzeuge fliegen", sagt Axel von Frowein, Regional Head of Aviation bei AGCS. In weniger stark regulierten Ländern könnten Engpässe dazu führen, dass Piloten mit geringerer Qualifikation und Gesamtflugzeit Verkehrsflugzeuge fliegen, fürchtet von Frowein.

Neue Flugzeuge –mehr Sicherheit, aber höhere Kosten

Die Pandemie habe einen Generationswechsel zu kleineren Flugzeugen beschleunigt, da in Zukunft weniger Passagiere in den Flugzeugen erwartet würden, zählt der Bericht weiter auf. Eine Reihe von Fluggesellschaften habe deshalb bereits im vergangenen Jahr ihre Flotten verkleinert oder Flugzeuge ausgemustert. „Flugzeuge der neueren Generation bringen Vorteile bei der Sicherheit und Effizienz“, sagt Kürschner. Allerdings seien neue Materialien wie Verbundwerkstoffe, Titan und Legierungen teurer in der Reparatur, was zu höheren Schadenskosten führe.

Insektenbefall beeinträchtigt Gerätegenauigkeit

Es habe tatsächlich eine Reihe von Berichten über unzuverlässige Fluggeschwindigkeits- und Höhenmessungen während der ersten Flüge, nachdem einige Flugzeuge das Lager verlassen hätten, gegeben, berichtet AGCS. In vielen Fällen sei das Problem auf unentdeckte Insektennester in den Pitot-Rohren des Flugzeugs zurückzuführen gewesen; dabei handele es sich um druckempfindliche Sensoren, die Daten an einen Avionik-Computer liefern. Solche Vorfälle hätten zu Startabbrüchen und der Rückkehr zum Flughafen geführt. Das Risiko eines Tierbefalls steige zudem, wenn die Richtlinien für die Einlagerung nicht eingehalten würden.

 

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