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3. Februar 2026 | 14:06 Uhr
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Wie es zu dem folgenreichen Shitstorm um den ADAC kam

Nach einem Interview, in dem unter anderem die CO2-Bepreisung ein Thema war, legt ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand (Foto) sein Amt nieder. Rund 60.000 Mitglieder hatten zuvor ihre Mitgliedschaft gekündigt. Dabei war der Ex-Funktionär keineswegs mit radikalen Forderungen vorgeprescht.

Hillebrand Gerhard

Eine Reihe eigentlich nicht sehr brisanter Aussagen hat Gerhard Hillebrand den Job gekostet

So schnell kann’s dann gehen: Der bisherige Verkehrspräsident ist zurückgetreten, spricht selbst von einem "Reputationsschaden" für den Club und übernimmt dafür die Verantwortung. Sein Ressort führt kommissarisch Technikpräsident Karsten Schulze.

Auslöser für den Rücktritt war ein Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung Ende Dezember. Darin sagte Gerhard Hillebrand, der ADAC halte die CO2-Bepreisung für "ein richtiges Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen". Zugleich hatte er betont, Preiserhöhungen dürften nur greifen, wenn ausreichend Alternativen zu Benzin- und Dieselantrieben vorhanden seien und Preisspitzen vermieden würden.

Resonanz mit Verzögerung

Die Aussagen stießen zunächst, wohl auch wegen der Feiertage, kaum auf Resonanz. Erst nach Zuspitzungen in Boulevardmedien und sozialen Netzwerken wuchs der Druck. Deren Tenor: Der ADAC finde höhere Kosten für Autofahrer prima – alles für den doofen Klimaschutz. In der Folge gingen laut ADAC rund 60.000 Kündigungen ein.

Der Automobilclub teilte mit, Hillebrands Äußerungen hätten "zu erheblichen Irritationen bei Mitgliedern sowie zahlreichen Beschwerden und Kündigungen geführt". Der Betroffene selbst erklärte kleinlaut, er bedaure, dass seine Aussagen Mitglieder verunsichert und verärgert sowie den ADAC Glaubwürdigkeit gekostet hätten.

Tatsache ist: Der aktuelle CO2-Preis verteuert Benzin und Diesel seit dem Jahreswechsel um bis zu drei Cent pro Liter. Eine weitere Runde ist von der EU um ein Jahr verschoben worden. Der Europäische Emissionshandel ETS II startet nicht 2027, sondern 2028.

Aufgeheizte Debatte und zögerliche Reaktionen

Am Ende dürfte der Rücktritt weniger die Folge einzelner Aussagen sein, sondern das Ergebnis einer aufgeheizten öffentlichen Debatte. Denn erstens hatte Hillebrand lediglich darauf verwiesen, dass der Klimawandel eine Tatsache sei, der man begegnen müsse. Das ist kein übertriebener Öko-Aktivismus und man sollte es auch als Chef eines Clubs sagen können, der sich nach wie vor als Lobbyorganisation der Autofahrer begreift. Zudem hatte er im Interview auch günstigere E-Autos, bessere Ladeinfrastruktur, niedrigere Strompreise und Offenheit für alternative Antriebe gefordert. Diese Differenzierungen gingen in der anschließenden Empörungswelle weitgehend unter.

Klar ist auch: Der ADAC hätte schneller und entschiedener auf den Shitstorm reagieren oder sich für den anschwellenden Orkan zumindest wappnen müssen. Erst am 5. Januar wurde eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Thematik publiziert. Und dann war es, wie so oft: Wenn das Geraune und Gebrüll erst einmal eine bestimmte Lautstärke erreicht hat, bleibt für eine sachliche Auseinandersetzung nicht mehr viel Platz.

So gesehen sind die Ereignisse nicht nur ein Musterbeispiel für die Dynamik unserer Medien- und Social-Media-Landschaft, sondern auch ein Lehrstück, wie Krisenkommunikation funktionieren kann und wie nicht. Sie sollte, offen, aktiv entschlossen und faktenbasiert vonstattengehen und sich nicht von der Hoffnung treiben lassen, dass auch der nächste Sturm schon vorüberziehen wird.

Christian Schmicke

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