Alternde Gesellschaft wird zur Schlüsselfrage für Tourismus
Die demografische Entwicklung erhalte im Tourismus, in der Tourismusforschung und in der Tourismuspolitik gegenwärtig nicht die Aufmerksamkeit, die dafür eigentlich erforderlich wäre, sagen der langjährige TUI-Manager Günter Ihlau und der frühere Direktor der Thomas-Morus-Akademie Wolfgang Isenberg. Der demografische Wandel werde den Tourismus stärker prägen als es viele Strategien bislang berücksichtigten.
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Der Anteil Älterer an der Bevölkerung nimmt deutlich zu, und das hat Konsequenzen
Der demografische Wandel sei keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, halten Isenberg und Ihlau fest. Er beeinflusse Nachfrage, Personal, Erreichbarkeit, Gesundheitsversorgung und die Finanzierung des Tourismus bereits heute. In der Wechselwirkung mit Wohlstandsentwicklung, technologischem Fortschritt und Klimawandel gewinne er weiter an Bedeutung. Die Nachfrage verschiebe sich zunehmend in Richtung älterer Reisender, deren Gesundheitszustand, Mobilität, Lebensstile und Einkommen stark variiere. Diese Heterogenität entscheide darüber, welche Angebote tragfähig blieben und wo sich spezialisierte Nischen entwickelten.
Die 2030er-Jahre als kritische Phase
Besonders herausfordernd werde das Jahrzehnt ab Mitte der 2030er-Jahre, so die beiden Experten, die sich zuletzt im Mai vergangenen Jahres im Reise vor9 Podcast zum Thema Overtourism äußerten. Der Anteil der Bevölkerung ab 67 Jahren steige deutlich, zugleich nehme die Zahl der Hochaltrigen weiter zu. Tourismus, Gesundheitswesen und Pflege gerieten parallel unter Druck. Regionale Unterschiede verschärften sich: Wachstumschancen in urbanen Räumen stünden zunehmenden Bevölkerungsverlusten in strukturschwachen Regionen gegenüber. Für viele Destinationen werde dies zur Belastungsprobe für Infrastruktur, Mobilität und Versorgung.
Mit der Alterung der Gesellschaft differenziere sich die Nachfrage stärker aus, analysieren Ihlau und Isenberg. Ältere Reisende blieben ein zentrales Segment, suchten jedoch verstärkt Sicherheit, Komfort und Verlässlichkeit. Jüngere Altersgruppen reagierten volatiler: Zeitdruck, Care-Arbeit und steigende Kosten führten zu kurzfristigeren Entscheidungen. Altersklischees griffen dabei zu kurz. Standardprodukte verlören an Wirkung, gefragt seien klare Profile, flexible Formate und passgenaue Services.
Europa gewinnt, Fernreisen bleiben volatil
Auch das internationale Reiseverhalten verändere sich spürbar. Fernreisen blieben ein sensibles Segment und reagierten stark auf gesundheitliche, klimatische und geopolitische Risiken. Europäische Ziele und der Nahraum dürften an Stabilität gewinnen, Wege würden kürzer, Aufenthalte tendenziell länger. Mit dem Eintritt der Babyboomer in die Hochaltrigkeit dürfte sich dieser Trend weiter verstärken. Erreichbarkeit, Bahnstrategien und klimafeste Mobilität rückten damit ins Zentrum touristischer Strategien.
Der Klimawandel verändere Saisonverläufe und schwäche die klassische Hochsaison, prognostizieren Ihlau und Isenberg. Regionen mit ausgeglichenem Mikroklima, Beschattung und verlässlicher Infrastruktur gewännen an Attraktivität. Gleichzeitig würden Gesundheit, Prävention und pflegenahe Angebote zu strategischen Standortressourcen. Für ländliche Räume könnten sie Chancen eröffnen – vorausgesetzt, Versorgungssicherheit, Fachkräfteverfügbarkeit und Mobilität seien gewährleistet.
Arbeitsmarkt als Wachstumsgrenze
Nicht die Nachfrage, sondern der Arbeitskräftemangel begrenze künftig den Tourismus, lautet eine weitere zentrale Prognose. Selbst bei weiterer Zuwanderung sinke die Zahl der Erwerbspersonen dauerhaft. Digitalisierung könne Prozesse unterstützen, den Bedarf an qualifiziertem Personal jedoch nicht ersetzen. Attraktive Arbeitsbedingungen, Qualifizierung, gesteuerte Migration und Lösungen für den Wohnungsmarkt würden zur Voraussetzung für die „touristische Grundversorgung“.
Die Transformation hin zu barrierearmen, gesundheitsnahen und klimasensiblen Infrastrukturen sprengt klassische Finanzierungsmodelle, glauben die Touristiker. Gefordert seien „sektorübergreifende Investitionen, die Tourismus als Teil der Daseinsvorsorge“ begriffen. Der demografische Wandel werde damit zur strategischen Kernfrage für Branche, Politik und Wissenschaft – und gehöre auf die langfristige Agenda touristischer Entwicklung.
Christian Schmicke