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28. September 2020 | 07:00 Uhr
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An Digitalisierung wird in der Coronakrise nicht gespart

Die Geschäfte liegen bei vielen Reiseunternehmen am Boden. Die Umsätze sind eingebrochen, das Team in Kurzarbeit, überall wird gespart. Nicht ganz, denn die Coronakrise treibt die Digitalisierung auch in der Reiseindustrie voran, zeigte das Technology Symposium des Travel Industry Clubs.

IT Platine Schraubenschlüssel iStock Traitov.jpg

Auch die Tech-Szene hatte auf dem ersten Liveevent der Reisebranche seit langem ein beherrschendes Thema: die Corona-Pandemie. Drei Aussagen zogen sich wie ein roter Faden durch das Travel Technology Symposium des TIC auf dem Campus von Accenture in Kronberg. An IT-Projekten in Unternehmen wird nicht gespart. Corona beschleunigt viele Veränderungen, die ohnehin auf der Agenda standen. Und, Digitalisierung ist kein Selbstzweck.

Alles neu bei Leitner, vom Online-Auftritt bis zum papierlosen Büro

Dafür lieferte Christoph Führer, Geschäftsführer von Leitner Reisen, anschauliche Beispiele. Der Busveranstalter, der im vergangenen Jahr mit 150.000 Gästen 65 Millionen Euro umsetze, nutze den Stillstand für eine „Komplettrenovierung“, wie Führer es nennt. Quasi über Nacht wurden die 80 Mitarbeiter ins Homeoffice oder Kurzarbeit geschickt. IT‘ler verlängerten die Telefonanlage in die Cloud. So sei man für die Kunden weiter erreichbar gewesen.

In wenigen Wochen stellte der Veranstalter auf ein papierloses Büro um, entsorgte Ordner aus den letzten 20 Jahren. Die rund 150 Broschüren pro Jahr, die der Direktanbieter bislang mit einem großen händischen Aufwand produzierte, entstehen nun digital und sind live auch im Web verfügbar. Der Online-Auftritt wurde ebenfalls komplett neugebaut.

Führer hat praktisch das Unternehmen in zwei Monaten komplett neu aufgestellt. „Ohne Corona hätten wir das in dieser Geschwindigkeit nicht geschafft“, sagt er. „Solche fundamentalen Veränderungen sind im Alltag nicht möglich.“ Da habe man in Covid-19 eine Chance gesehen und „Sachen gemacht, die einem hoffentlich nach der Krise helfen“.

DER Touristik gibt bei Robotik-Projekten Gas

Auch die großen Reisekonzerne sparen überall, nur nicht an der Digitalisierung. „Wir haben die IT massiv aufgestockt“, so Sven Schikarsky, bei DER Touristik für Sun & Beach verantwortlich. Viele Projekte, die immer wieder auf die lange Bank geschoben worden seien, packe man nun an. Zum Beispiel das Revenue Management, das noch in diesem Jahr ausgerollt werde. 25 Robotik-Projekte habe man bereits umgesetzt, 50 weitere seien in der Pipeline.

Unübersehbar sei auch, dass der Online-Anteil bei den Buchungen expotenziell steige, „zum Leidwesen unserer eignen Reisebüros“, so Schikarsky. „Wir brauchen eine schnellere Digitalisierung“, sagt er. Ein großer Sprung steht bei DER Touristik noch an, der Wechsel des Reservierungssystem. Auch da habe man trotz Sparkurs „nichts rausgenommen“.

Preisdruck wird auch nach Corona bleiben

Hintergrund für alle die IT-Anstrengungen der Veranstalter sind eine flexiblere Produktion und niedrigere Kosten. „Die Veranstalter leiden unter Margendruck“, erklärt Professor Andreas Thams von der Hochschule Worms. „Zwei Drittel der Kunden entscheiden nach dem Preis und nicht nach der Marke.“ Dieser Druck werde bleiben, auch wenn die Coronakrise das Kundenverhalten in der Tourismusindustrie ansonsten grundlegend und nachhaltig verändere. Kunden würden digital, „Ropo, also „Research online, purchase offline“ gehöre bald der Vergangenheit an.

Was sich in den Augen von Uta Martens, Geschäftsführerin Amadeus Germany, allerdings nicht ändere, sei das Fernweh. „Wenn wir in unseren Systemen gucken, dann sehen wir: Menschen möchten reisen.“ Sobald Reiserestriktionen gelockert würden, stiegen die Suchanfragen unmittelbar an. Umgekehrt allerdings auch. „In dem Moment, wo die Restriktionen wie in Spanien wieder verschärft werden, sehen wir nur noch Stornos.“

Kunden wollen immer detailliertere Informationen

Das Geschäft werde immer kurzfristiger und der Informationsbedarf der Kunden steige. Das müsse IT entsprechend abbilden. Die Kunden hätten sehr detaillierte Fragen zu Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen. „Was erwartet mich am Flughafen, im Flughafen und im Hotel? Wie ist das mit der Anzahlung? Kann ich stornieren?“ Der Beratungsbedarf, egal ob stationär oder online sei deutlich höher. Technologie müsse die Informationen in Real Time bereitstellen. Nur so könne die Branche das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen.

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