Frau Felin, Hurtigruten baut das Angebot in Deutschland deutlich aus. Neben der Finnmarken fährt nun auch die Midnatsol ab Hamburg. Warum gerade Deutschland?
Deutschland ist für uns seit vielen Jahren ein sehr wichtiger Markt, und wir sind noch weit von einer Sättigung entfernt. Die Nachfrage ist vorhanden. Deshalb war die Entscheidung, mit einem zweiten Schiff ab Hamburg zu fahren und künftig praktisch jede Woche eine Abfahrt anbieten zu können, für uns konsequent.
Gleichzeitig hat sich der Wettbewerb verändert. Norwegen war früher für viele Reedereien vor allem ein Sommerziel. Heute positionieren deutlich mehr Anbieter ihre Schiffe ganzjährig in Norddeutschland und fahren Richtung Norden.
Das zweite Schiff ist deshalb eine Reaktion auf die bereits vorhandene Nachfrage und zugleich eine Investition in weiteres Wachstum. Mit Hamburg erreichen wir auch Gäste, die vielleicht nicht nach Bergen fliegen möchten oder bislang eher klassische Kreuzfahrten gebucht haben. Der Einstieg über Hamburg macht Hurtigruten für diese Kunden leichter zugänglich.
Kannibalisieren sich die Reisevarianten nicht?
Tatsächlich ist es interessant, dass beide Produkte einander nicht ersetzen oder kannibalisieren. Wir sehen viele Wiederholer. Gäste fahren zunächst die klassische Postschiffroute und entscheiden sich später für eine Signature-Reise, weil sie bestimmte Regionen ausführlicher kennenlernen möchten. Umgekehrt können Signature-Gäste später die klassische Route entdecken.
Wie verändern sich durch die Abfahrten in Hamburg die Zielgruppen im deutschen Markt? Es gibt inzwischen die klassische Postschiffroute, die Reisen ab Hamburg und weitere Signature-Angebote. Wen können Reisebüros ansprechen?
Wir sehen, dass sich die Zielgruppen stärker auffächern. Die klassische Postschiffroute spricht weiterhin viele Gäste an, die Hurtigruten kennen und genau dieses intensive Erlebnis entlang der norwegischen Küste suchen. Dort laufen wir 34 Häfen an. Die Gäste sehen sehr viel von der Küste, allerdings sind die Aufenthalte teilweise kürzer.
Bei den Signature-Reisen ist das Konzept anders. Wir laufen weniger Häfen an, bleiben dafür länger. Gäste können beispielsweise einen ganzen Tag auf den Lofoten verbringen. Das spricht Reisende an, die einzelne Regionen intensiver erleben möchten.
Mit den Hamburg-Abfahrten erreichen wir zusätzlich Gäste, die bisher eher klassische Kreuzfahrten gebucht haben. Dazu kommen heute mehr Familien und Mehrgenerationenreisen.
Auch bei klassischen Kreuzfahrtgästen sehen wir Potenzial. Wenn jemand sagt, er reise gerne mit dem Schiff, habe aber genug vom Mittelmeer oder finde es dort inzwischen zu heiß, dann kann Norwegen eine interessante Alternative sein. Und mit kürzeren siebentägigen Reisen können wir zusätzlich Gäste erreichen, denen eine längere Reise bislang zu aufwendig war.

Norwegen wird für immer mehr Kreuzfahrtreedereien zum wichtigen Ziel. Ist das für Hurtigruten eher Chance oder Konkurrenz?
Es ist ein bisschen von beidem. Als Unternehmen sehen wir natürlich, dass die wachsende Nachfrage nach Norwegen auch für uns Chancen schafft. Je mehr Menschen Norwegen als Reiseziel entdecken, desto größer wird grundsätzlich der Markt.
Als Norwegerin sehe ich persönlich die Entwicklung aber auch mit Sorge. Ich möchte nicht, dass zu viele große Schiffe die Küste und die Natur belasten. Norwegen ist attraktiv, gerade weil Natur, kleine Orte und lokale Gemeinschaften eine so große Rolle spielen.
Wie erfolgreich ist diese Strategie bislang? Wie entwickelt sich das Geschäft 2026?
Wir sehen weiterhin eine sehr gute Entwicklung, nachdem wir 2025 ein sehr gutes Jahr hatten. Global liegen wir für 2026 nach aktuellem Buchungsstand etwa 16 Prozent über dem vergleichbaren Vorjahreszeitpunkt beim Umsatz. Deutschland entwickelt sich mit rund 17 Prozent Wachstum sogar etwas stärker.
Auch die Signature-Reisen gewinnen deutlich an Bedeutung. In Deutschland sind sie von 2024 auf 2025 um rund 35 Prozent im Umsatz gewachsen. Durch die zusätzliche Kapazität ab Hamburg wird ihre Bedeutung weiter steigen. Im kommenden Jahr werden wir aus Deutschland voraussichtlich mehr Gäste auf den Signature-Reisen haben als auf der klassischen Coastal Route. Gleichzeitig entwickelt sich auch die Nachfrage nach der Postschiffroute weiter positiv.
Die Buchungen für 2027 liegen ebenfalls gut. Deutschland gehört damit zu den Märkten, die unser Wachstum derzeit besonders treiben.
Wie hoch ist die Auslastung der beiden Schiffe ab Hamburg?
Bei der Finnmarken liegen wir derzeit bei über 85 Prozent, was für uns ein sehr gutes Niveau ist. Die Midnatsol liegt aktuell im 70-Prozent-Bereich und entwickelt sich ebenfalls gut.
Die Finnmarken ist im Markt bereits bekannter. Die Midnatsol muss sich stärker etablieren. Deshalb erwarten wir, dass sich die Auslastung dort noch weiterentwickelt. Ein Niveau im Bereich von 70 bis 80 Prozent und darüber ist für uns gut, zumal sich die Statistik auf die theoretische maximale Passagierzahl bezieht und nicht auf die Kabinenkapazität.
Wie beschreiben Sie die Preisentwicklung? Können Sie die Preise durchsetzen oder müssen Sie stärker mit Rabatten arbeiten?
Wir positionieren uns im Premiumsegment – nicht im Luxussegment, aber auch nicht im Massentourismus. Es ist ein Small-Ship-Premiumprodukt. Für uns ist wichtig, eine möglichst verlässliche Preisstrategie zu verfolgen.
Frühes Buchen soll sich lohnen. Wenn Gäste früh buchen und dann drei Monate später feststellen, dass dieselbe Reise deutlich günstiger angeboten wird, sind sie verständlicherweise enttäuscht. Das wollen wir vermeiden.
Natürlich wird es von Zeit zu Zeit Kampagnen oder kurzfristige Angebote geben. Aber wir wollen keine Marke sein, bei der Kunden grundsätzlich darauf warten, dass kurz vor Abfahrt die Preise fallen. Deshalb versuchen wir, Preise und Kapazitäten über das gesamte Jahr stärker zu steuern.
Gleichzeitig sind unsere Kosten teilweise sehr volatil. Besonders die Treibstoffpreise sind bei langen Reisen ein wichtiger Faktor und schwer vorherzusagen. Umso wichtiger ist für uns eine stabile Preisstrategie. Und wenn für einen Gast ausschließlich der niedrigste Preis entscheidend ist, dann ist Hurtigruten möglicherweise nicht das passende Produkt.
Hurtigruten experimentiert zugleich mit neuen Routen und Ausgangshäfen. Welche Rolle spielt dabei Kopenhagen?
Die Flexibilität der Signature-Reisen gibt uns die Möglichkeit, neue Ausgangspunkte und neue Reiseformen zu testen. Kopenhagen ist dafür ein gutes Beispiel. Wir bieten dort selektive Abfahrten an und wollen sehen, wie internationale Gäste darauf reagieren.
Gerade für Gäste aus weiter entfernten Märkten, beispielsweise aus den USA, kann es attraktiv sein, zunächst Kopenhagen als weitere skandinavische Hauptstadt zu besuchen und von dort eine Norwegenreise zu beginnen. Mit der Trollfjord können wir solche neuen Varianten ausprobieren.
Daneben testen wir auch kürzere Angebote. Dazu gehören siebentägige Reisen Bergen – Bergen mit Schwerpunkt Fjorde sowie Tromsø – Tromsø mit Schwerpunkt Nordlichter. Solche Reisen sind auch für Wiederholer interessant, die Hurtigruten bereits kennen, aber bei der nächsten Reise einen bestimmten Teil Norwegens intensiver erleben möchten.
Welche Rolle spielt dabei langfristig noch die klassische Postschiffroute? Der derzeitige Vertrag mit der norwegischen Regierung läuft zu 2031 aus.
Was nach 2030 genau passiert, können wir heute nicht wissen. Bei solchen Verträgen spielen politische Entscheidungen eine wichtige Rolle. Wir gehen aber davon aus, dass es auch danach einen Bedarf geben wird, die Gemeinden entlang der norwegischen Küste miteinander zu verbinden. Diese Aufgabe gehört seit mehr als 130 Jahren zu Hurtigruten und ist ein wichtiger Teil unserer DNA.
Gleichzeitig wäre es für uns nicht sinnvoll, unsere gesamte Zukunft ausschließlich auf einen staatlichen Küstenvertrag auszurichten. Genau deshalb sind die Signature-Reisen so wichtig. Sie geben uns zusätzliche Möglichkeiten und machen unsere Flotte flexibler. Wir können Schiffe je nach Bedarf für unterschiedliche Routen einsetzen.
Die klassische Küstenroute bleibt damit ein zentraler Teil von Hurtigruten. Gleichzeitig schaffen wir mit Signature und neuen Ausgangspunkten weitere Standbeine für die Zukunft.
Das Interview führte Magdalena Laßmann.
