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14. Oktober 2018 | 23:02 Uhr
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DRV-Jahrestagung: Plädoyer für Europa

Auch in der Touristik hat sich die Europäische Union für manchen zum Synonym für ineffiziente Bürokratie entwickelt. Warum es sich dennoch lohnt, am Projekt eines vereinten Europas festzuhalten, verdeutlichte der frühere Präsident des EU-Parlaments Martin Schulz bei der DRV-Jahrestagung.

Bürokratie, Arbeitshindernis, Gängelung, unsinnige Vorgaben, Mittelverschwendung, Schildbürgerstreiche - viele Menschen verbinden genau das mit Europa. Auch in der Tourismusbranche wird die EU vor allem mit ungeliebten juristischen Vorgaben wie der Pauschalreiserichtlinie oder der geplanten Erleichterung von Sammelklagen assoziiert. Das größte politische Projekt der westlichen Hemisphäre in der Nachkriegszeit hat, so scheint es, bei vielen seinen Kredit verspielt. Nationalistische, auf Populismus basierende Politikentwürfe sind weltweit auf dem Vormarsch. Von Großbritannien über die Niederlande, Polen, Ungarn bis nach Österreich und Italien schwappt eine Welle der Abkehr vom europäischen Modell.

Touristik muss Europa unterstützen

Als Branche, für die Weltoffenheit und grenzüberschreitende Kooperation eine Grundlage bildet, kann der Touristik die staatenübergreifende Tendenz nationalistischen Mustern nicht gleichgültig sein. In diesem Sinne wollte auch der DRV bei seiner Jahrestagung im italienischen Reggio di Calabria ein Zeichen setzen. Neben Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der bei der Touristik engagiert für mehr Zusammenarbeit mit Afrika warb, zählte der Auftritt von Martin Schulz zu den thematischen Schwerpunkten der Tagung.

Der SPD-Politiker zeigte bei seinem von starkem Applaus begleiteten Auftritt das, was ihm im Zuge seiner Kanzlerkandidatur bisweilen verloren gegangen zu sein schien: Klarheit und Glaubwürdigkeit in einer Angelegenheit, die ihm erkennbar am Herzen liegt. Europa stehe für ein Modell, in dem Staaten und Völker sprachliche, kulturelle, ökonomische und geographische Grenzen überwinden; in dem sie ihre Wirtschaft und ihre Politik so vereinen, dass sie sich gegenseitig stärken und die Kraft, die sie dadurch erwerben, nutzen, um dem einzelnen Menschen seine unveräußerlichen Grundrechte zu garantieren, so Schulz. Dieses Modell verhindere seit Jahrzehnten erfolgreich, dass dieser Kontinent nochmals in den Abgrund gehe, in den er im 20. Jahrhundert zweimal stürzte. Auch damals sei propagiert worden: "Mein Land zuerst!"

Starker Verbesserungsbedarf

Dabei unterschlug der Parlamentarier Schwächen und Versagen der aktuellen EU-Politik nicht. Zu denen gehöre das Scheitern einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik ebenso wie sinnlose Vorschriften – etwa das Verbot von Olivenölkännchen in Restaurants. Aber auch die Geschichte der Pauschalreiserichtlinie, einst angedacht, um den Online-Vertrieb in eine einheitliche Rechtsprechung einzubeziehen, sei eine des Scheiterns.

Gleichwohl, so der SPD-Politiker, müssten starke europäische Initiativen her, um soziale Schieflagen, verus Ungerechtigkeit bei der Besteuerung, wirtschaftliche Krisen und Massenarbeitslosigkeit, vor allem unter jungen Menschen im Süden Europas, zu beseitigen. Diese Probleme seien der Nährboden für die Erstarkung der Populisten. Nur entschlossen und geschlossen könne Europa sein Gesellschaftsmodell gegen Angriffe verteidigen.

Der Sichtweise, die Schulz propagierte, schloss sich DRV-Präsident Norbert Fiebig in seiner Grundsatzrede an. Fiebig erklärte, es sei im eigenen Interesse der Branche notwendig, sich gegen populistisch-nationalistische Tendenzen zur Wehr zu setzen. In diesem Punkt könnte eine klare Strategie der Touristik, sich trotz aller Ärgernisse vehement für den Zusammenhalt innerhalb der EU und engere Bindungen an Staaten, die demokratische Entwicklungen vorantrieben, einzusetzen, ein wichtiger Impuls sein.–

Christian Schmicke

 

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