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24. Mai 2024 | 16:27 Uhr
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"Es geht um einen vernünftigen Interessenausgleich"

In Destinationen, die stark von Overtourism betroffen seien, reichten marktwirtschaftliche Maßnahmen wie Eintrittsgelder meist nicht aus, um das Problem zu lösen, sagt Torsten Kirstges, Professor für Tourismus an der Jade Hochschule Wilhelmshaven. Dann bedürfe es ordnungspolitischer Restriktionen. Wichtig sei, die Bevölkerung in tourismuspolitische Pläne einzubinden.

Santorin Overtourism

Touristenmassen auf der griechischen Insel Santorin

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   Reise vor9

Das Thema Overtourism bewegt die Reisebranche mehr denn je. Sei es auf den Kanarischen Inseln oder auf Mallorca – Bewohner touristischer Massenziele klagen über zu viele Besucher. Oft passiert dies ausgerechnet in Regionen, die wirtschaftlich stark vom Tourismus abhängen. Die spanischen Inseln sind ein gutes Beispiel dafür. So trägt der Tourismus auf den Balearen rund 35 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

"Nicht alle Menschen in den Destinationen profitieren unmittelbar vom Tourismus", sagt Kirstges. Deshalb gebe es in der Bevölkerung Gruppen, die nur die unmittelbaren Nachteile sähen, aber nicht die – aus ihrer Sicht – mittelbaren Vorteile des Fremdenverkehrs. Die "Bedenkzeit", die die Reisebranche und die Kunden in der Corona-Phase prinzipiell gehabt hätten, habe absehbarerweise keine Veränderung bewirkt, weiß Kirstges. Mittlerweile verzeichneten viele Destinationen wieder ein sehr hohes Gästeaufkommen, das sich auch aus anderen Quellmärkten als den europäischen speise – beispielsweise aus Asien und Nordamerika.

Individualtourismus und Kreuzfahrten

Wer nicht unmittelbar vom Tourismus lebe, sei vor allem von höheren Preisen und Mieten betroffen, weiß Kirstges. Dazu trage einerseits der Individualtourismus mit billigen Flügen und Unterkünften jenseits der klassischen Hotellerie bei. Aber auch der Kreuzfahrttourismus, der für kurze Zeit große Massen von Besuchern in die touristischen Hotspots spüle, sorge für Unmut. Deshalb sei es kein Zufall, dass gerade Tagestouristen im Visier der örtlichen Behörden stünden; sei es in Dubrovnik Venedig oder Palma.

Massentourismus müsse keineswegs zwingend Overtourism sein, so Kirstges weiter. Pauschalurlauber, die mit dem Flieger anreisten, dann mit dem Bus in ihr Hotel befördert würden und vor Ort einen eher geringen Aktionsradius hätten, seien in den wenigsten Fällen ein Problem. Die Vielzahl an Kreuzfahrern, die ebenfalls dem organisierten Tourismus zuzurechnen seien, dagegen sehr wohl.

Binnenmarketing ist wichtig

"Destination sind gefordert, einen vernünftigen Ausgleich zwischen den Interessen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu finden", weiß der Tourismusexperte, für den die Overtourism-Problematik natürlich nicht neu ist. Grundsätzlich gelte es, zwischen marktwirtschaftlichen und ordnungspolitischen Maßnahmen zu dessen Bekämpfung zu unterscheiden. So reichten etwa Eintrittspreise, wenn sie nicht sehr hoch seien, in der Regel nicht aus, um einen Besucheransturm zu bremsen. Dann führe an ordnungspolitischen Aktivitäten, wie Beschränkungen, Verknappung oder Kontingentierung, kein Weg vorbei.

Wesentlich für die Akzeptanz des Tourismus in den Destinationen sei auch ein gelungenes Binnenmarketing bei demjenigen Teil der Bevölkerung, die nicht unmittelbar vom Tourismus profitiere, sagt der Hochschullehrer. Gerade die Corona-Pandemie sollte auch den Skeptikern vor Ort gezeigt haben, dass sie "von Landwirtschaft und Fischfang nicht leben können". Es gelte dabei, Kritiker einzufangen und ihre Sorgen ernst zu nehmen.

Über Mindestlöhne nachdenken

Im Hinblick auf das häufig geäußerte Argument schlechter Bezahlung in einfacheren touristischen Jobs könne etwa über einen Mindestlohn nachgedacht werden. Das sei nicht Sache der Veranstalter, sondern der Zielgebiete. Regelmäßige Bürgerforen und Befragungen sollten Standard werden, um die Akzeptanz tourismuspolitischer Maßnahmen zu stärken und abzuklopfen, so Kirstges weiter. Dabei müssten die Interessen unterschiedliche Player unter einen Hut gebracht werden; etwa auf kommunaler, regionaler und nationaler Ebene. 

Nicht zuletzt hält der Tourismusexperte auch eine Sensibilisierung der Reisenden für die Sorgen und Nöte in ihren Urlaubszielen für wichtig. Dabei könnten dann auch die Veranstalter in den Quellmärkten eine aktive Rolle spielen.

Christian Schmicke

Torsten Kirstges hat sich kürzlich im Reise vor9 Podcast zu der Overtrourism-Deatte geäußert. Das komplette Gespräch finden Sie hier.

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