Die geopolitischen Konflikte verändern die internationalen Reiseströme. Während Europa von einer stärkeren Nachfrage nach Urlaubszielen innerhalb des eigenen Kontinents profitiert, verlieren Fernreisen an Bedeutung. Nach Angaben des auf der Reisemesse WTM in London lancierten Global Travel Reports 2026 dürften Reisen zwischen verschiedenen Weltregionen in diesem Jahr um drei Prozent zurückgehen. die Zahl der Reisen innerhalb derselben Region soll dagegen um drei Prozent zunehmen.
Verantwortlich seien vor allem höhere Ölpreise, steigende Flugpreise und Sicherheitsbedenken. Hinzu kommen Kapazitätsengpässe an den Luftverkehrsdrehkreuzen am Persischen Golf, über die 2025 rund 15 Prozent des weltweiten Umsteigeverkehrs abgewickelt wurden. Die Studie wurde von Tourism Economics, einer Tochter von Oxford Economics, für den World Travel Market erstellt und berücksichtigt mehr als 185 Länder.
Naher Osten verliert 40 Prozent der Ankünfte
Besonders stark trifft die Entwicklung den Nahen Osten. Dort wird für 2026 ein Rückgang der internationalen Ankünfte um 40 Prozent erwartet. Dagegen profitieren neben Europa auch Afrika und Ozeanien von veränderten Reiseentscheidungen. Für beide Regionen prognostiziert der Bericht ein Wachstum von jeweils acht Prozent.
Nordamerika dürfte trotz der Fußball-Weltmeisterschaft lediglich um zwei Prozent zulegen. Die internationalen Ankünfte liegen damit weiterhin sechs Prozent unter dem Niveau von 2019. Als Gründe nennt der Bericht hohe Kosten und eine negative Stimmung gegenüber Reisen in die USA.
Für 2027 wird ein Wachstum von acht Prozent erwartet
Im kommenden Jahr könnte der weltweite Reiseverkehr wieder deutlich stärker wachsen. Oxford Economics prognostiziert für 2027 einen Anstieg der internationalen Ankünfte um acht Prozent. Voraussetzung sei allerdings, dass sich die Störungen im internationalen Reiseverkehr abschwächen, heißt es.
Besonders die Fernreisen dürften sich dann erholen. Bei Reisen zwischen verschiedenen Weltregionen rechnen die Experten mit einem Zuwachs von elf Prozent. Für Europa wird ein weiteres Wachstum von fünf Prozent erwartet. Im Nahen Osten könnten die Ankünfte um 43 Prozent steigen, blieben damit aber unter dem Niveau von 2025.
Urlauber achten stärker auf das Preis-Leistungs-Verhältnis
Neben den geografischen Verschiebungen beobachtet die Studie Veränderungen beim Ausgabeverhalten. Jeder sechste Reisende wählte sein letztes internationales Reiseziel vor allem wegen des Preis-Leistungs-Verhältnisses. Im Vorjahr war es etwa jeder Elfte. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Luxusreisen stabil.
56 Prozent der Befragten interessieren sich dafür, bei einzelnen Reiseleistungen zu sparen und sich dafür an anderer Stelle mehr Komfort oder besondere Erlebnisse zu gönnen. Für Veranstalter ergeben sich daraus Möglichkeiten, günstigere Basisangebote mit zusätzlich buchbaren Premiumleistungen zu kombinieren.
Auch Reisen außerhalb der Hauptsaison gewinnen an Bedeutung. 22 Prozent der Befragten planen, künftig zu anderen Jahreszeiten zu verreisen. Hauptmotiv sind zunehmend günstigere Preise.
KI gewinnt bei der Reiseplanung an Bedeutung
Auch die Nutzung künstlicher Intelligenz verändert die Reiseplanung. Laut der Studie würden 36 Prozent der Befragten einer KI die vollständige Buchung einer Reise anvertrauen. 53 Prozent können sich vorstellen, KI für Reiseempfehlungen zu nutzen, 58 Prozent für die Suche und den Vergleich von Preisen.
Für Reiseanbieter und Destinationen wird es damit wichtiger, mit ihren Angeboten auch über KI-basierte Such- und Buchungssysteme gefunden zu werden.
Reisemarkt soll bis 2032 weiter wachsen
Langfristig erwartet der Bericht für Europa den größten absoluten Zuwachs bei den internationalen Ankünften. Bis 2032 sollen jährlich 226 Millionen internationale Ankünfte mehr gezählt werden als 2026. Weltweit dürfte ihre Zahl bis dahin auf 2,2 Milliarden steigen.
Die Ausgaben internationaler Reisender sollen 2026 weltweit um sechs Prozent auf 1,8 Billionen US-Dollar wachsen. Einschließlich des Inlandstourismus werden touristische Ausgaben von 7,8 Billionen Dollar erwartet, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Die Werte sind nicht inflationsbereinigt.
„Die Menschen sind 2026 reisefreudiger als jemals zuvor“, sagt Dave Goodger, Managing Director Emea bei Tourism Economics. Gleichzeitig passten sie ihre Reiseziele und Ausgaben an die wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen an.
Christian Schmicke
