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21. September 2018 | 12:05 Uhr
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Kommentar: Rituelle Aufregung über Lufthansa

Von Christian Schmicke

Die Dramaturgie ist immer dieselbe. Lufthansa kündigt einen weiteren Schritt zur Abkehr vom Verkauf über externe Mittler oder neutrale Buchungssysteme wie die der GDS an, und der Aufschrei der Empörung in der Branche ist ihr gewiss. Das war so, als die Airline die Provision strich, als sie die GDS-Gebühr einführte und als sie ankündigte, manche Tarife exklusiv über die Direktvertriebskanäle anzubieten. Und es ist auch jetzt so, da Lufthansa verkündet, dass sie ihre Economy-light-Tarife künftig ausschließlich über Direct Connect oder die Unternehmens-Website anbietet.

Auch die Argumente, die dagegen vorgebracht werden, sind immer dieselben. Von einer Auflösung der Markttransparenz ist die Rede, von Wettbewerbsverzerrung im Vertrieb, vom „Knüppel zwischen die Beine der Reisebüros“, die auf die Tarife nicht zugreifen können, und davon, dass am Ende die Kunden dafür die Zeche zahlen müssten.

Das alles ist wahr. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Anbieter von Waren oder Dienstleistungen in keiner Branche ein Interesse an einem transparenten Markt haben. Ob Fahrräder, Computer, Smartphones, Telekommunikation, Autos, Küchen oder Versicherungen: immer unterscheiden sich die Angebote gerade in so vielen Details, dass ein sorgfältiger Vergleich statt Klarheit meistens Verwirrung hinterlässt. Vor diesem Hintergrund ist es völlig nachvollziehbar, dass sich Lufthansa einer unmittelbaren Vergleichbarkeit im Sinne von Markttransparenz verweigert, wo immer es möglich ist.

Erfahrungswerte

Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2015? Damals kündigte Lufthansa die GDS-Gebühr an und argumentierte damit, dass sie mit den 16 Euro, die sie seither kassiert, die Differenz zwischen den Kosten im Eigenvertrieb und denen, die für Buchungen via GDS anfallen, ausgleiche. In der Touristik und auch im Geschäftsreisebereich wurden daraufhin die bekannten Drohkulissen aufgebaut. „Wegsteuern!“ lautete die Parole. Der Geschäftsreiseverband VDR verstieg sich gar zu der Aussage, die Firmen, die er vertrete, könnten „bis zur Hälfte ihrer rund zwei Milliarden Euro Jahresumsatz bei der Lufthansa auf andere Fluglinien oder die Bahn verlagern“. Die Freizeitsparte der Reiseindustrie reagierte nach außen hin ähnlich.

Hinter den Kulissen aber wurden sogleich Verhandlungen über Möglichkeiten zur Umgehung der GDS-Gebühr geführt, an denen sich Firmen, Veranstalter und auch Vertriebsorganisationen beteiligten. Das Ergebnis ist bekannt. Lufthansa zog den Einstieg in den Ausstieg aus dem klassischen GDS-Vertrieb durch, immer mehr Großkunden, Veranstalter, Consolidators, TMCs und Vertriebsketten schufen Schnittstellen. Vom groß angekündigten Widerstand blieb nichts übrig.

Neues Spiel?

Mit dieser und früheren Erfahrungen gewappnet, hat Lufthansa bei jedem weiteren Schritt, der auf den Direktvertrieb zusteuert, leichtes Spiel. Zumal die GDS, die nach außen hin als Speerspitze der Empörungskultur auftreten, die Airlines gerne und für gutes Geld bei der Einrichtung neuer NDC-fähiger Schnittstellen unterstützen. Der Zug, Lufthansa, IAG oder Air France-KLM auf diesem Weg zu bremsen, ist längst abgefahren. Allerdings lehrt die Erfahrung auch, dass jedem Versuch, sich von Vergleichbarkeit abzuschotten, ein Gegenimpuls folgt. Das könnte in diesem Fall – auch wenn die GDS jetzt rufen werden: „Das sind wir schon!“ – eine neue Art von Metasearcher sein, der die Direktvertriebswege dann doch wieder mit einschließt.

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