Marktforscher sieht bei Kurzreisen stärkste Wachstumschancen
Die Deutschen bleiben reisefreudig, doch der Markt verschiebt sich: Ulf Sonntag (Foto), Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts NIT, sieht bei langen Urlaubsreisen kaum Wachstum, bei Kurzreisen dagegen Potenzial. Im Vertrieb treiben Online-Buchungen und KI den Wandel, Reisebüros müssen ihre Rolle stärker belegen.
NIT
Ulf Sonntag sieht grundsätzlich einen stabilen Trend bei Urlaubsreisen
Für Sonntag ist die Grundrichtung klar. "Auf die Deutschen kann man sich verlassen. Sie werden weiter Urlaub machen", sagte Sonntag in seinem Vortrag bei den VIR Innovationstagen in Berlin. Sonntag, Autor der FUR Reiseanalyse, leitete seine Aussagen aus Zeitreihen zu Konsumentenverhalten und Reisewünschen ab. Trends seien für ihn keine Wunschbilder, wie nicht selten bei sogenannten Studien interessengeleiteter Akteur, sondern Tendenzen, die sich aus Daten begründen lassen.
Lange Reisen stabil, Kurzreisen mit Potenzial
Bei Urlaubsreisen ab fünf Tagen sieht Sonntag eine stabile Basis, aber kaum zusätzliche Wachstumsspielräume. Der Kuchen werde "ziemlich sicher nicht größer", sagt er. Zugleich reisten wieder mehr Menschen. Der Anteil derjenigen, die mindestens eine lange Urlaubsreise machten, lag 2025 nach seinen Angaben über dem Niveau vor Corona.
Schwächer entwickeln sich Zusatzreisen. Viele Kunden steckten ihr Budget aktuell stärker in die wichtigste Urlaubsreise und verzichteten eher auf eine zweite längere Reise. Anders sieht es bei Kurzurlauben aus. Reisen mit zwei bis vier Übernachtungen haben sich nach der Krise erholt und bieten laut Sonntag bis 2035 weiteres Wachstumspotenzial. Der Markt bleibe jedoch anfälliger für Schwankungen, etwa durch Feiertage oder veränderte Konsumprioritäten.
Die wirtschaftliche Stimmung belastet die Planung. Die Einschätzung der allgemeinen Lage in Deutschland sei im Mai besonders schlecht gewesen, so Sonntag. Wichtiger für Reiseentscheidungen sei aber die persönliche wirtschaftliche Lage. Auch dort seien die Werte schwächer, blieben aber stabiler positiv als die allgemeine Stimmung.
Viele Pläne sind noch offen
Bei den konkreten Reiseabsichten sieht Sonntag noch Chancen für einen Nachfrageschub. 51 Prozent wissen demnach, dass sie reisen und wohin. Weitere 17 Prozent wollen reisen, haben aber noch kein Ziel festgelegt. 21 Prozent sind unsicher, elf Prozent planen keine Reise. Entscheidend werde, wie viele der Unentschlossenen noch überzeugt werden könnten, sagt der Marktforscher.
Das Mittelmeer bleibt eine tragende Säule. 44 Prozent der Urlaubsreisen führen dorthin, neun Prozent entfallen auf Fernreisen, 22 Prozent auf Deutschland, sieben Prozent auf die Alpen und 19 Prozent auf das übrige Europa. Sonntag sieht beim Mittelmeer weiter Potenzial, auch durch eine längere Saison.
Coolcation eher Phantasie als Trend
Eine breite Abkehr von warmen Reisezielen erkennt er nicht. In den Daten gebe es keinen klaren Beleg für einen Coolcation-Trend. Selbst Reisende, die im Urlaub Hitze als störend empfanden, zeigten eine hohe Bereitschaft, wieder in das Zielgebiet zu fahren. Menschen preisten Wetterrisiken zunehmend ein und passten ihr Verhalten an.
Bei der Organisation des Urlaubs bleibt das Bild zweigeteilt. Weder sei die Pauschalreise tot, noch verdränge sie die individuelle Organisation. Beide Formen liegen nach Sonntags Darstellung nahe beieinander und hängen stark vom Ziel ab. Deutschland-Reisen und erdgebundene Reisen werden eher individuell organisiert. Mittelmeer- und Fernreisen bleiben stark pauschal geprägt.
Online-Buchungen treiben den Vertrieb
Im Vertrieb zeigt der Trend klar in Richtung digitaler Buchungswege. Online-Buchungen nehmen weiter zu. Bei persönlichen Buchungen verschiebt sich der Kontakt zwischen E-Mail und Telefon. Sonntag rechnet damit, dass der digitale Trend weiter linear voranschreitet.
Das Reisebüro bleibe Teil des Marktes, müsse seine Relevanz aber stärker beweisen, sagt der Marktforscher. Internetportale dürften weiter wachsen. Digitale Kanäle profitierten davon, dass sich das Verhalten in Bevölkerung und Gesellschaft verändere. Alles, was dagegenhalte, müsse sich klar positionieren. Kunden seien erfahren, reflektiert und krisengewohnt. Sie sähen die Risiken, reisten aber trotzdem.
Christian Schmicke
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