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10. September 2020 | 18:24 Uhr
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Was nach der Aufhebung der weltweiten Reisewarnung passiert

Für die meisten der derzeit 160 Staaten, bei denen vor Reisen gewarnt wird, ändert sich kurzfristig nichts. Profitieren könnten Staaten mit vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen, wenn diese ihrerseits die Grenzen öffnen. Für die Touristik wird jeder Schritt zum Neustart ein Wagnis, das sie gleichwohl eingehen muss.

Corona Geldschein

Das Ende der weltweiten Reisewarnung allein ändert nicht viel

Als „zaghaften Schritt in die richtige Richtung“ bezeichnete DRV-Präsident Norbert Fiebig die Ankündigung der Bundesregierung, die pauschale Reisewarnung für derzeit gut 160 Länder aufzuheben und weltweit durch differenzierte Reise- und Sicherheitshinweise zu ersetzen. Faktisch ändere sich für die Kunden und die Reisewirtschaft leider nur wenig, weiß auch der Verbandschef. Es bleibe die Ungewissheit, wann wieder gereist werden könne und wann Unternehmer und Beschäftigte wieder etwas für ihren Lebensunterhalt verdienen könnten.

Denn auch nach dem 1. Oktober wird für fast alle Länder weiterhin eine Reisewarnung bestehen. Um eine Verbesserung einzuleiten, müsse das Auswärtige Amt „ganz genau auf einzelne Länder, Regionen, Gemeinden und Orte schauen und sehr dezidiert das Infektionsgeschehen in diesen jeweiligen Regionen und Landstrichen betrachten“, fordert der DRV. Nur diejenigen Orte und Landkreise, die den Grenzwert des RKI überschreiten, sollten als Risikogebiet ausgewiesen werden und mit einer Reisewarnung belegt sein - der Rest einer Region eines Landes nicht. Das Auswärtige Amt müsse bei den Reisewarnungen „unbedingt Augenmaß behalten“.

Europa als mahnendes Beispiel

Auf wie wackeligen Füßen Schritte zur Öffnung der Grenzen für Touristen und Geschäftsreisende stehen, zeigt schon das Beispiel Europa. Mittlerweile gelten für Spanien, große Teile Frankreichs und Kroatiens, aber auch Bulgariens wieder Reisewarnungen, nachdem die Grenzen innerhalb der EU wieder geöffnet worden waren. Andere Länder, wie Ungarn, schlossen von sich aus die Schlagbäume.

Dabei müssen die Touristen und das klassische Urlaubsgeschäft nicht einmal Ursache einer Verschärfung des Infektionsgeschehens sein. Aus vielen betroffenen Regionen hieß es, Partys junger Einheimischer, Enge in sozial schwierigen Regionen oder Stadtteilen und Reisende, die im Urlaub in ihre Herkunftsländer gereist seien und dort intensiven Kontakt zu ihren Angehörigen und Freunden genossen hätten, seien für einen erheblichen Teil der Infektionen verantwortlich. Der Tourismusbranche hilft all dies nicht.

Immer mehr Anbieter scheren aus

Bislang hielten sich Reiseanbieter fast immer eng an die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, sagten umgehend Reisen ab und holten Urlauber notfalls früher zurück. Doch die Phalanx wird bröckeln. So erklärte Alltours-Chef Willi Verhuven nach der Reisewarnung für sein wichtigstes Zielgebiet Spanien, er überlasse es den Kunden, ob sie gebuchte Reisen antreten oder gar Reisen neu buchen wollten. Auch FTI sagte Reisen nur auf Kundenwunsch ab.

Auch Spezialisten wie Chamäleon oder Diamir führten eigene Systeme zur Risikobewertung ein. So wollen sie Kunden, die trotz Reisewarnung unterwegs sein wollen, dies ermöglichen, wenn sie es selbst für vertretbar halten – und wenn diejenigen Staaten, die unter dem Aspekt der Infektionsgefahr unbedenklich sind, ihre Grenzen öffnen.

Viele Länder bleiben dicht

Das Robert-Koch-Institut führt Länder wie Kanada, Tunesien, Thailand, China und Neuseeland nicht als Risikogebiete. Allerdings haben viele von ihnen ihrerseits die Einreise aus Deutschland beschränkt. Voraussetzung dafür, dass Veranstalter ihr Angebot für Länder mit Reisewarnung überhaupt aufrechterhalten können, ist zudem ein stabiles Flugangebot. Das musste auch Alltours-Chef Verhuven erleben. Dem Branchenblatt „FVW“ sagte er, nach der Reisewarnung für das bulgarische Varna hätte er, wie im Fall von Spanien, gerne auch das Angebot für die dortige Schwarzmeerküste aufrechterhalten. Doch die Airlines hätten ihre Verbindungen umgehend gestrichen. Bei Mallorca sei die Situation anders, so Verhuven. Wie sie sich für die Kanaren entwickelt, bleibt abzuwarten.

Gute Erfahrungen hat Bentour-Chef Deniz Ugur damit gemacht, trotz Reisewarnung Angebote zu machen. Vor der Aufhebung der Beschränkung für die wichtigsten türkischen Reiseziele sei sein Geschäft eher besser gelaufen als danach, sagt er. Schließlich hatte Bentour in diesem Zeitraum eine Art Alleinstellungsmerkmal, und Airlines wie Sun Express sorgten für stabile Verbindungen.

Der Schreck sitzt tief

Gleichwohl wird sich ein nennenswertes Geschäft zu den massentauglichen Strandzielen auf der Fernstrecke, etwa in der Karibik, erst wieder etablieren, wenn dafür stabile Voraussetzungen geschaffen sind. Das setzt bisweilen auch bilaterale Übereinkünfte zwischen Regierungen voraus, die sich auf gemeinsame Standards zur Bewertung von Risiken einigen müssen. Der Schreck aus den Anfangszeiten der Pandemie, als jedes Land ohne Abstimmung, und gerne auch ohne Vorankündigung, Urlauber und Kreuzfahrer zum unerwünschten Risiko erklärte, sitzt tief. Und der Weg in eine neue Normalität, die ihren Namen verdient, dürfte lang werden.

Christian Schmicke

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