Wie der Lernidee-Gründer in die Reisebranche geriet
Hans Engberding (Foto, 2.v.l.), Gründer von Lernidee Erlebnisreisen, ist eher zufällig in die Touristik geraten, verrät er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Aus einer missverständlich formulierten Anzeige für einen Russischkurs entstand 1986 die erste Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.
Axel Heumisch
2022 verkaufte Hans Engberding Lernidee Erlebnisreisen an Nurlan Mukash, Felix Willeke und Christian Buschhaus
Im Interview blickt der 74-Jährige auf seinen Weg vom Lehramtsstudenten zum Reiseunternehmer zurück. Engberding erzählt seine Laufbahn in der Touristik als Folge von Neugier, Improvisation und einem Missverständnis. Eigentlich wollte er für seine Sprachschule werben, sagt er der Süddeutschen Zeitung (Abo). Weil das Geld knapp war, kürzte er eine Anzeige von „Sprachkurs für Ihre Russlandreise“ auf „Reisesprachkurs Russisch“. Kurz darauf fragten erste Interessenten, ob man auf Reisen Russisch lernen könne. Engberding plante das Angebot – und legte damit 1986 den Grundstein für sein späteres Unternehmen Lernidee Erlebnisreisen.
Lehramt studierte Engberding nicht aus pädagogischer Berufung allein, sondern auch wegen der Aussicht auf ein bewegtes Leben zwischen verschiedenen Ländern. Schon während des Studiums war er jedes Jahr mehrere Monate unterwegs und finanzierte sich mit Jobs, unter anderem als Schlafwagenfahrer und Traktorfahrer in einem Kibbuz. Dass er nicht im Schuldienst blieb, habe auch an den starren Vorgaben im Schulalltag gelegen. So gründete er eine Sprachschule für Russisch. Der Zeitpunkt passte: Mit Gorbatschow an der Macht wuchs das Interesse an Russland stark.
Nach einigen Jahren verließ Engberding die Sprachschule im Streit. Die Abfindung von 30.000 Mark und geliehenes Geld von Freunden bildeten dann die finanzielle Grundlage für den Start seines Reisegeschäfts. Die erste Tour mit der Transsibirischen Eisenbahn kostete 1.600 Mark und damit deutlich mehr als viele andere Reisen jener Zeit.
Reisen in der Planwirtschaft
Die ersten Fahrten beschreibt Engberding als eine „Schule der Gelassenheit“. Es habe zwar Speisepläne gegeben, doch die Realität der Planwirtschaft habe anders ausgesehen. Das Zugpersonal verkaufte Lebensmittel bei Zwischenhalten aus dem Waggon, statt sie wie vorgesehen zu verkochen. Oft war der Speisewagen schon am zweiten Tag leer. Später habe man mit Routine und Nachbestellungen per Funk reagiert.
Die Gäste seien indes auf Entbehrungen eingestellt gewesen und vor allem froh gewesen, wenn es warmes Essen gab und die Züge pünktlich waren. Viele seien mit großer Skepsis nach Sibirien gereist, manche auch mit familiären Erinnerungen im Gepäck.
Kleine Summen, große Wirkung
Engberding schildert im Interview mehrfach, wie wichtig pragmatische Lösungen im Reisegeschäft sind. In den Anfangsjahren führte er ein, dass Reiseleiter bei Problemen sofort bis zu 100 Euro Entschädigung auszahlen durften. Das könne viel Ärger entschärfen.
Mit den Jahren hat sich das Geschäft stark verändert. Früher reisten die meisten Gäste im Vierbettabteil, später fast alle im Zweibettabteil. Die Ansprüche seien deutlich gestiegen. Engberding sieht darin einen breiteren gesellschaftlichen Wandel: Menschen gäben heute eher Geld für Erlebnisse aus als für klassische Statussymbole. Zudem beobachtet der Lernmidee-Gründer, dass exklusive und fotogene Erlebnisse an Bedeutung gewonnen haben. Manchmal sei es fast wichtiger, dass ein Essen gut auf Bildern wirke, als wie es tatsächlich schmecke.
2011 lag ein Übernahmeangebot von rund 18 Millionen Euro auf dem Tisch. Damals wollte Engberding nicht verkaufen. Später kam es dennoch dazu, wenn auch unter veränderten Bedingungen nach Corona und dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Der Abschied vom Unternehmen habe wehgetan, sagt er. Nach dem Verkauf habe er sich bewusst eine Zeit lang zurückgezogen, um nicht als permanenter früherer Chef aufzutreten.
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