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3. August 2026 | 19:02 Uhr
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Wie eine Reise im LKW das Leben einer Familie veränderte

Anja Kocherscheidt reiste mit Mann und zwei Kindern in einem umgebauten THW-Laster durch Nord- und Mittelamerika. Die einjährige Auszeit sollte der Familie neue Perspektiven eröffnen, endete wegen der Pandemie aber in Guatemala. Im Reise vor9 Podcast erzählt die Journalistin und PR-Expertin von der Vorbereitung, riskanten Momenten und den Veränderungen, die bis heute geblieben sind.

Lasterleben_Familienfoto

Zu viert reiste Familie Kocherscheidt im umgebauten Laster durch Nord- und Mittelamerika

Ausgangspunkt der Reise war kein Fernweh allein. Kocherscheidt und ihr Mann führten eigene Unternehmen, sie eine PR-Agentur für Tourismus, er eine Firma in der Personaldienstleistung. Beide arbeiteten gern, doch der Spagat zwischen Beruf und zwei kleinen Kindern gelang immer schlechter.

Das Paar beschloss, den Alltag für ein Jahr zu unterbrechen. Weit entfernt vom gewohnten Umfeld wollte die Familie herausfinden, wie ein anderes Leben aussehen könnte. Die Idee zu einer langen Reise entstand bei einer Wanderung in Andalusien. Als Ziel rückte die Panamericana in den Blick, die sich von Feuerland bis Alaska erstreckt.

Ein Jahr für Fahrzeug und Formalitäten

Für die Vorbereitung nahm sich die Familie ein Jahr Zeit. Sie kaufte einen ausgemusterten THW-Laster, weil das ältere Fahrzeug wenig Elektronik besaß und sich unterwegs vergleichsweise einfach reparieren lassen sollte. Parallel mussten Kocherscheidt und ihr Mann den LKW-Führerschein machen, den Umbau organisieren und eine Zulassung erhalten. Eine Probefahrt war vor der Abreise nicht möglich. Der Mann fuhr den Lastwagen schließlich von Schleswig-Holstein zum Hamburger Hafen. Wiedergesehen hat die Familie das Fahrzeug erst in Kanada.

Die Befreiung der Kinder von der Schulpflicht bereitete weniger Probleme als erwartet. Die Schulleitung unterstützte das Vorhaben. Nachdem die Eltern ihr Unterrichtskonzept vorgelegt hatten, genehmigte die Schulbehörde die Auszeit innerhalb von zwei Wochen.

Mit dem Frachtschiff nach Kanada

Im Juli 2019 reiste die Familie gemeinsam mit dem Laster auf einem Containerschiff nach Halifax. Die Überfahrt ohne Unterhaltung und bezahlbaren Internetzugang war bewusst gewählt. Sie sollte nach dem anstrengenden Vorbereitungsjahr für Abstand sorgen.

Eine feste Route gab es nicht. Von Kanada führte die Reise über die Rocky Mountains und Yellowstone nach Utah, zum Grand Canyon und nach Kalifornien. Bei Tijuana ging es über die Grenze nach Mexiko, anschließend durch das Land bis Yucatán und weiter über Belize nach Guatemala.

Am Atitlánsee in Guatemala stoppte im März 2020 die Pandemie die Weiterfahrt. Fünf Monate hoffte die Familie auf eine Öffnung der Grenzen nach Süden. Im August gab sie auf, reiste über Mexiko nach Deutschland zurück und ließ den Laster verschiffen.

Gefährlicher Moment am Grenzfluss

Als bedrohlich empfand Kocherscheidt vor allem eine Situation an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko. Die Familie erreichte erst im Dunkeln einen abgelegenen Stellplatz an einem Fluss. Dort traf sie auf mehrere verdächtige Männer und sah ein Boot auf dem Wasser.

Das Paar fuhr langsam zurück. Kurz darauf kamen ihnen zwei Jeeps mit bewaffneten Männern auf den Ladeflächen entgegen. Trotz vorheriger Warnungen vor Mexiko und Guatemala blieb dies nach Kocherscheidts Schilderung die einzige gefährliche Situation der Reise. Die meisten Begegnungen seien freundlich und die Menschen hilfsbereit gewesen.

Die Familie findet einen neuen Alltag

Die Monate unterwegs veränderten nach ihrer Einschätzung vor allem das Zusammenleben. Ihr Sohn, der zuvor motorische Schwierigkeiten hatte, kletterte auf Bäume und balancierte über Steine. Die Bewegung in der Natur habe bewirkt, was Therapien zu Hause nicht erreicht hätten.

Aus alltäglichen Konflikten entstand ein Familienrat, den die vier bis heute einmal pro Woche abhalten. Nach der Rückkehr zog die Familie dauerhaft aufs Land nach Schleswig-Holstein. Dort leben Kocherscheidt, ihr Mann und die Kinder heute mit Hühnern, Laufenten und schottischen Hochlandrindern.

Die Reise habe der Familie mehr Ruhe und Vertrauen gegeben, sagt Kocherscheidt. Vor allem hätten Eltern und Kinder einander neu kennengelernt. Ihre Erlebnisse hat sie in dem Buch "Lasterleben" festgehalten.

Christian Schmicke

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