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25. März 2026 | 15:53 Uhr
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Wie Rail Europe die Komplexität im Bahnvertrieb senken will

Der europäische Bahnmarkt wächst nach Einschätzung von Rail-Europe-Chef Björn Bender (Foto) stärker als vor der Pandemie, vor allem im grenzüberschreitenden Verkehr. Im Gespräch mit Reise vor9 berichtet er von wachsenden Investitionen. Für Rail Europe setzt er vor allem auf einfachere Buchung, neue Technik und mehr Service.

Bender Björn

Björn Bender ist schon lange im Bahngeschäft aktiv

Bender sieht den europäischen Bahnmarkt deutlich weiter entwickelt als noch vor zweieinhalb Jahren. Im Gespräch verweist der Chef des Bahnticket-Dienstleisters Rail Europe auf mehr Wettbewerb, hohe Investitionen und ein gewachsenes Angebot. Hochgeschwindigkeitsverbindungen seien in mehreren Ländern ausgebaut worden, Nachtzüge zurückgekehrt. Zugleich steige die Zahl der Reisenden weiter an.

Nach seinen Worten waren die vergangenen beiden Jahre Rekordjahre für die Bahnunternehmen in Europa. Das Niveau von vor der Pandemie sei bereits übertroffen worden, obwohl in der Branche teils erst deutlich später mit einer vollständigen Erholung gerechnet worden sei. Für 2026 erwartet Bender das nächste Rekordjahr. Besonders dynamisch entwickle sich der grenzüberschreitende Verkehr.

Mehr Angebot, aber weiter viele Hürden

Der Manager sieht Europa beim Bahnverkehr enger zusammenwachsen. Von Deutschland aus lasse sich inzwischen praktisch jedes Nachbarland per Zug gut erreichen. Auch darüber hinaus seien Verbindungen weiter verbessert worden. Zudem flössen Milliarden in die Schiene, sowohl auf europäischer Ebene als auch national. Als Beispiele nennt er den European Green Deal und zusätzliche Investitionen in einzelnen Ländern.

Trotzdem bleibt das System aus seiner Sicht zu kompliziert. Die Branche nutze die Möglichkeiten des Bahnreisens noch nicht ausreichend, sagt er. Gerade in Deutschland habe die Bahn oft ein schlechteres Image, als es dem Produkt gerecht werde. Die Auswahl habe in den vergangenen Jahren zwar zugenommen. Bahnreisen sei heute häufiger eine bewusste Wahl. Doch beim Zugang zum System gebe es weiter Defizite.

Bei der Buchbarkeit sieht Bender Fortschritte, aber keinen Durchbruch. Im europäischen Bahnsektor werde an Standards für den Austausch von Informationen gearbeitet. Das erleichtere den Vertrieb von Leistungen, die Unternehmen nicht selbst erbringen. Aus seiner Sicht reicht das jedoch nicht. Der Markt konzentriere sich noch zu stark auf das heimische Geschäft, obwohl dort nur ein kleiner Teil des Potenzials liege.

Nur ein kleiner Teil der Reisen ist international

Bender verweist darauf, dass der Anteil internationaler Reisen im Bahnmarkt trotz des Wachstums je nach Land oft nur im einstelligen Prozentbereich liege. In der Schweiz seien es rund zehn Prozent. Das eigentliche Wachstumspotenzial liege deshalb darin, weiteren Kundengruppen den Zugang zur Bahn zu erleichtern. Genau dort passiere noch zu wenig. Das System sei für viele Menschen zu komplex.

Für Rail Europe ist das zugleich die Geschäftsgrundlage. Das Unternehmen habe in den vergangenen vier Jahren die eigenen Strukturen neu aufgestellt und auf Profitabilität ausgerichtet, berichtet Bender. Er spricht von einer Transformationsphase, in der das Unternehmen finanziell und technologisch auf ein solides Fundament gestellt worden sei.

Ein Schwerpunkt war dabei der Ausbau des Angebots. Rail Europe habe stark in Technologie und Inhalte investiert und insbesondere die Nachtzugverbindungen integriert. Ab dem 1. April soll mit European Sleeper ein weiteres Angebot auf der Plattform buchbar sein. Zugleich sei viel Geld in die Nutzerführung auf Website und App geflossen, von der Suche bis zum Aftersales-Service. Auch die Agenturplattform Rail Portal sei komplett neu aufgesetzt worden.

Wachstum mit APIs und Service

Im Vertrieb baut Rail Europe nach Angaben Benders das Partnernetz aus. Weltweit arbeite das Unternehmen mit 25.000 Verkaufsstellen. Hinzu kämen inzwischen mehr als 100 Partner, die über eine API auf die gebündelten Inhalte des europäischen Bahnmarkts zugreifen. Dazu zählen nach seinen Worten Reisebüroketten, Veranstalter und Online-Vertriebsplattformen. Besonders stark sei das Geschäft in Europa gewachsen. Dort habe das Unternehmen, das Bahnreisen in Europa zuvor überwiegend an Nordamerikaner und Australier verkaufte, Produkt und Team an die Anforderungen des Marktes angepasst und inzwischen mehrere hundert Partner gewonnen.

Für die kommenden Jahre setzt Bender weiter auf Vereinfachung. Rail Europe wolle die Komplexität für Endkunden und B2B-Partner senken und sich auf das Kerngeschäft Bahn konzentrieren. Andere Verkehrsträger sollen dabei keine größere Rolle spielen. Entscheidend sei die Verbindung aus Technologie und persönlichem Service. Rail Europe verstehe sich nicht nur als technische Schnittstelle, sondern auch als Dienstleister mit einem großen Bereich für Kundenbetreuung und operative Services. Entscheidend sei es, Bahnreisen einfacher buchbar und nutzbar zu machen.

Über Rail Europe: Seit März 2022 ist Rail Europe als eigenständiges Unternehmen mit Hauptsitz in Paris tätig. Zuvor gehörte das Unternehmen der staatlichen französischen Eisenbahngesellschaft SNCF. Es beschäftigt rund 200 Mitarbeiter aus 40 Nationen in als 15 Ländern.

Rail Europe wird von CEO und Vorstandsvorsitzendem Björn Bender geleitet, der über rund 20 Jahre Erfahrung im Bereich der internationalen Mobilität verfügt. Zuvor hatte er Führungspositionen bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und der Deutschen Bahn inne, wo seine Zuständigkeiten die Bereiche Innovation, neue Mobilität, Carsharing und Bikesharing, Flottenmanagement sowie strategische Partnerschaften umfassten.

Christian Schmicke

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