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20. August 2018 | 14:31 Uhr
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Neue Schuldige für das Flugchaos

Das Schwarzer-Peter-Spiel um die Verantwortung für die zahlreichen Verspätungen und Ausfälle im Flugverkehr geht munter weiter. Sowohl die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi als auch der Chef der Deutschen Flugsicherung, Klaus-Dieter Scheurle, haben jeweils einen Buhmann gefunden.

Verdi kritisiert, dass die Anbieter von Bodenverkehrsdienstleistungen viel zu wenig Personal beschäftigten und dieses zu schlecht bezahlten. Flugausfälle, Verspätungen oder Gepäckverluste seien aufgrund von Personalmangel und niedrigen Löhnen hausgemacht, sagt Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. "Um die Branche zu stabilisieren, brauchen wir einen bundesweit einheitlichen Branchentarifvertrag, mit dem zugleich eine hohe Qualität der Dienstleistungen, existenzsichernde Gehälter, gemeinsame Qualifikationsstandards und gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen sichergestellt werden." Nur so könnte die Branche dem Preisdruck der Fluggesellschaften entzogen werden und Sicherheitsstandards für Passagiere und Beschäftigte eingehalten werden. Geschehe dies nicht, seien "Verwerfungen bei der Flugsicherheit und Probleme bei der Gesundheit der Beschäftigten" zu befürchten.

"Erbarmungsloser Absenkungswettbewerb"

Durch die von der Europäischen Union forcierte Marktöffnung würden die Anbieter von Bodenverkehrsdiensten um Abfertigungsverträge mit den Fluggesellschaften konkurrieren, argumentieret die Gewerkschaft. Dadurch sei ein zunehmend "erbarmungsloser Absenkungswettbewerb um die niedrigsten Lohnkosten und den knappsten Personaleinsatz in Gang gesetzt worden". Immer weniger Personal, das immer unzureichender ausgebildet sei, müsse immer mehr sicherheitsrelevante Aufgaben übernehmen. Beschäftigte in ausgegliederten Tochterunternehmen der Flughäfen oder bei privaten Anbietern hätten zudem bis zu 30 Prozent weniger Einkommen als andere Bodendienstbeschäftigte. Im Durchschnitt werde in dieser Branche mit einer Personalunterdeckung von 15 bis 20 Prozent gearbeitet, so Behle.

Flugsicherungs-Chef Scheurle mach dagegen in einem interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" absurde Vorgaben der EU für die Misere verantwortlich. Die EU-Kommission erstelle ihre Verkehrsprognosen für fünf Jahre und richte den Personalbedarf danach aus. Die Prognosen für das laufende Jahr stammten von 2014 und seien völlig überholt. Weil die Zahl der Lotsen bei der deutschen Flugsicherung anhand zu niedriger Prognosen festgelegt worden sei, fehlten nun Leute. Das auszugleichen, sei kurzfristig nicht möglich, zumal Lotsen europaweit Mangelware seien.

Flugrouten flexibler planen

Auch die Airlines sieht Scheurle bei der Lösung der Probleme in der Pflicht. Sie sollten nach seiner Auffassung häufiger von der überfüllten Idealroute abweichen und zum Beispiel niedriger fliegen, um den Luftraum oberhalb von 8.000 Metern zu entlasten. Zudem sei im Zuge des Kampfes um Marktanteile nach der Airberlin-Pleite ein Überangebot entstanden. Das werde sich in den nächsten Jahren reduzieren, was die Lage vorübergehend entspannen könnte.

Eine einheitliche europäische Flugsicherung hält Scheurle nicht für sinnvoll, da sie eine "ineffiziente Mammutbehörde" wäre. Zudem werde im Fall eines Streiks der gesamte europäische Luftraum blockiert. Statt eines Zusammenschlusses bevorzuge er einen „Wettbewerb unter den Flugsicherungen“, indem die Kontrolle über einen Luftraum für eine gewisse Zeit ausgeschrieben werde und mehrere Flugsicherungen sich gemeinsam dafür bewerben könnten.

Christian Schmicke

 

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