Touristiker warnen vor AfD-Plänen für den Tourismus
Der langjährige TUI-Manager Günter Ihlau (links) und der frühere Direktor der Thomas-Morus-Akademie, Wolfgang Isenberg (rechts), setzen sich in einem Essay mit den Tourismusplänen der AfD auseinander. Anlass ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Ihr Plädoyer: Tourismus solle Begegnung ermöglichen und Geschichte vermitteln, ohne Gästen eine politische Deutung vorzugeben.
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Günther Ihlau und Wolfgang Isenberg plädieren in ihrem Essay für Weltoffenheit und Begegnungen mit offenem Ausgang
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Ausgangspunkt des Essays ist die Tourismuspolitik der AfD in Sachsen-Anhalt. Deren Kulturpolitiker Hans-Thomas Tillschneider fordert unter dem Leitbild "#deutschdenken" einen "Volksbildungstourismus". Das Land solle zum "Sehnsuchtsort aller deutschen Patrioten" werden. Tourismus, Geschichte und Heimat sollen damit stärker zur Vermittlung nationaler Identität beitragen.
Isenberg und Ihlau sehen darin eine grundsätzliche Verschiebung. Ein Reiseziel müsse zwar ein eigenes Profil entwickeln und entscheiden, welche Landschaften, Geschichten und kulturellen Besonderheiten es zeige. Problematisch werde es jedoch, wenn Tourismus dazu dienen solle, politisch vorzugeben, was Heimat bedeute und welche Geschichten für die nationale Identität maßgeblich seien.
Kritik an einer vorgegebenen Geschichtserzählung
Besonders deutlich werde das an der geplanten "Straße des Deutschen Reiches". Nicht eine historische Ferienstraße an sich sei das Problem, schreiben die Autoren. Entscheidend sei die Auswahl und Verknüpfung der Orte zu einer politischen Erzählung darüber, was deutsche Identität ausmachen solle.
Ähnlich argumentieren sie beim Bauhaus. Dessen Geschichte sei deutsch und zugleich international. Gerade diese Verbindung von Herkunft und weltweiter Wirkung gehöre zu den Stärken des Kulturstandorts. Weltoffenheit und Heimat seien keine Gegensätze.
Historische Orte sollten nach Ansicht der Autoren Wissen und unterschiedliche Perspektiven zugänglich machen. Das Urteil müsse jedoch beim Besucher bleiben. "Bildung eröffnet einen Raum für Urteil, politische Belehrung verengt ihn", schreiben sie.
Tourismus lebt von internationaler Begegnung
Der Essay verbindet diese Debatte auch mit der wirtschaftlichen Realität der Branche. Tourismus lebe nicht nur von internationalen Gästen, sondern ebenso von ausländischen Beschäftigten. Im deutschen Gastgewerbe hätten 44,5 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine ausländische Staatsangehörigkeit, in der Gastronomie seien es 47,8 Prozent. In der speisengeprägten Gastronomie liege der Anteil sogar bei 54,6 Prozent.
Für Isenberg und Ihlau zeigt das, dass sich Zugehörigkeit nicht allein aus Herkunft ableiten lasse. Menschen würden durch gemeinsames Leben und Arbeiten zu Kollegen und Nachbarn.
Plädoyer für die Offenheit des Reisens
Die Autoren wenden sich zugleich gegen politische Debatten, die komplexe Konflikte auf klare Gegensätze reduzierten. Als Beispiele nennen sie Windenergie gegen Landschaft, Klimaschutz gegen Reisefreiheit oder Tradition gegen "Wokeness". Tourismuspolitik müsse dagegen unterschiedliche Interessen wahrnehmen und gegeneinander abwägen.
Ihr zentraler Punkt reicht über Sachsen-Anhalt hinaus: Reisen lebt nach ihrer Auffassung vom Fremden, von unterschiedlichen Perspektiven und von Begegnungen mit offenem Ausgang. Der Staat könne Infrastruktur schaffen, Museen fördern und Destinationen vermarkten. "Aber er sollte nicht planen wollen, was ein Mensch am Ende einer Reise zu denken hat."
Kürzlich hatte auch Reinhard Meyer, Präsident des Deutschen Tourismusverbandes, vor den Plänen der Rechten in Sachen Tourismus gewarnt. Eine Zusammenfassung seines Plädoyers finden Sie hier bei Reise vor9.
Christian Schmicke
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