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26. Juli 2022 | 16:46 Uhr
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Wie Bahnreisen eine goldene Zukunft haben könnten

Fliegen und Autofahren belasten das Klima massiv. Dagegen sind Züge das ideale Verkehrsmittel für nachhaltige Mobilität und sanften Tourismus. Doch es hakt an vielen Stellen. Für leistungsfähigeren Schienenverkehr sind mutige Reformen nötig. Reise-vor9-Autor Thomas Wüpper hat bei Experten nachgefragt.

Bahngleise

Um die Bahn zu verbessern, bedarf es tiefgreifender Reformen

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Unzuverlässiger Bahnverkehr, endlose Staus auf Autobahnen, Chaos an Flughäfen – die Urlaubszeit wird wieder zur Nervenprobe für viele Touristen. Nach zwei Corona-Jahren ist die Reiselust enorm, die Verkehrsinfrastruktur kann den Ansturm zeitweise kaum noch verkraften. Auch auf der oft überlasteten Schiene herrscht zu häufig abschreckender Ausnahmezustand. Nun rächen sich Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit.

Ohne viel leistungsfähigeren Schienenverkehr ist die Wende zu mehr nachhaltiger Mobilität nicht zu schaffen und die Klimaschutzziele werden verfehlt. Dabei beweist der riesige Andrang wegen des 9-Euro-Tickets, dass die Bahn gerne genutzt wird, wenn Angebote attraktiv und unkompliziert sind. Bei längeren Urlaubsreisen ist der Zug allerdings noch viel zu selten eine Option.

Nur noch fünf bis sechs Prozent der Deutschen nutzen die Bahn, um an den Ferienort zu kommen, wie Studien zeigen. Die meisten fahren mit dem Auto oder steigen in den Flieger. Dabei können Zugreisen zumindest bei Zielen im Inland und in Nachbarländern eine entspannte, preiswerte und umweltschonende Alternative sein – wenn alles klappt.

Reisebüro-Experte sieht riesige Potenziale

Dabei sind die Potenziale der Bahn gerade im Tourismus riesig, werden aber bisher "nicht annähernd genutzt", wie Joos Hahn vom Reisebüro Gleisnost in Freiburg kritisiert, das auf Bahnreisen spezialisiert ist. Der Praktiker kennt die Defizite aus langer Erfahrung, zum Beispiel den abschreckenden Tarif- und Verbindungsdschungel im grenzüberschreitenden Verkehr: "Sobald die Reise über eine Landesgrenze geht, beginnt die Kleinstaaterei". Es fehle an Abstimmung, Tickets aus anderen Ländern seien bei nationalen Bahnen kaum erhältlich.

Umso unverständlicher ist es für Hahn, dass der DB-Konzern seit Jahren Reisebüros benachteiligt, die Bahntickets an klimabewusste Kunden verkaufen. Ab nächstem Jahr sollen viele Agenturen überhaupt keine Umsatzprovision mehr bekommen, mehr als die Hälfte der früher 3.200 Reisebüros mit DB-Lizenz hat nach zahlreichen Kürzungen den Ticketverkauf bereits aufgegeben, weil  die oft aufwändige Beratung nicht mehr fair honoriert wird.

Gut nur auf den Rennstrecken

Einen "ganz guten Job" bescheinigt Hahn dem DB-Konzern und seinem ICE-Verkehr auf ausgebauten Rennstrecken im Inland wie Berlin-München und Frankfurt-Köln, wo dank kürzerer Fahrtzeiten inzwischen viele Reisende vom Flieger auf den Zug umgestiegen sind. Allerdings seien gleichzeitig wichtige Langstreckenverbindungen systematisch abgeschafft worden, kritisiert Hahn: "Hier wurde viel versäumt und kaputtgemacht." Das habe in der Peinlichkeit gegipfelt, dass der DB-Konzern sein komplettes Nachtzuggeschäft aufgegeben und es Österreichs Staatsbahn ÖBB überlassen habe.

Wie groß das Interesse an Nachtzügen ist, zeigt für Hahn die ÖBB-Verbindung von München nach Rom, die meist schon kurz nach Buchungsstart ausverkauft sei, und das sechs Monate vor Abfahrt. Er vermisst mehr Angebote, zum Beispiel von Süddeutschland nach Kopenhagen, Prag oder Warschau: "Von alleine kommen die Bahngesellschaften hier nicht in die Gänge. Die Politik müsste gezielt Anreize schaffen, wenn es ihr wirklich ernst ist mit klimafreundlichen Reisen."

DB-Konzern verteidigt seine Strategie

Der DB-Konzern lehnt eine Wiederaufnahme des eigenen Nachtzugverkehrs weiterhin ab, will aber mit Partnern "in den nächsten Jahren gemeinsam auf der Schiene 13 europäische Millionenmetropolen über Nacht verknüpfen“, wie eine Sprecherin erklärt. So arbeite man aktuell an neuen Nachtverbindungen zwischen Berlin und Paris und zwischen Berlin und Brüssel, die 2024 starten sollen.

"Die entscheidenden Effekte für die Mobilitätswende erreichen wir im Tagesverkehr", betont der Staatskonzern. So biete ein einziger ICE, der zwischen Frankfurt am Main und Brüssel zweimal am Tag hin und her fahre, bei den vier Fahrten 1.800 Plätze, der einmalige Nachtzug dagegen nur 250. Mit den neuen ICE 4, die in der XXL-Version 918 Fahrgäste befördern können, stünden in der DB-Fernzugflotte im Sommerfahrplan drei Millionen Sitzplätze pro Woche bereit, so viele wie nie zuvor.

Schnelle Züge europaweit

Sehr gefragt sind dabei nach DB-Angaben die schnellen ICE-Direktverbindungen ins Ausland, zum Beispiel nach Paris, Amsterdam, in die Schweiz und nach Österreich. Besonders in Frankreich, Benelux, Spanien, Italien und Skandinavien kommen Reisende mit schnellen Highspeed-Zügen nationaler Bahnen in wichtige Metropolen, der Eurostar fährt zudem durch den Kanaltunnel auf die britische Insel. Und mit den beliebten Interrail-Tickets können selbst Senioren zum günstigen Pauschalpreis fast ganz Europa auf der Schiene erkunden. 

Wer dennoch auf Flüge nicht verzichten möchte, kann die Bahn wenigstens zur An- und Abreise am Airport nutzen. Allein der DB-Konzern kooperiert mit über 50 Airlines. Mit Rail & Fly lassen sich Züge zum Airport von 5.600 Bahnhöfen buchen und so die kurzen und deshalb besonders klimaschädlichen Zubringerflüge einsparen.

Beim Deutschen Reiseverband sieht man vor allem die Politik in der Pflicht, im grenzüberschreitenden Bahnverkehr die Transportsysteme besser zu verknüpfen und buchbar zu machen. Hier müssten Bund und EU "schneller vorankommen, damit die Bahn eine gute Alternative für die Urlaubsreise werden kann", betont Sprecherin Kerstin Heinen. Für mehr Transparenz und einheitliche Buchungen könnte die nationale Tourismusstrategie Impulse setzen, hofft der Verband.

Allianz pro Schiene: Politik muss umsteuern 

Auch die Allianz pro Schiene fordert mehr Tempo und vor allem ein Umsteuern in der Verkehrspolitik. "Wer den Tourismus nachhaltiger machen will, darf Bahnkunden nicht länger schröpfen", sagt Geschäftsführer Dirk Flege. So sei grenzüberschreitender Flugverkehr von der Mehrwertsteuer befreit, der Zugverkehr nicht: "Umweltpolitisch ein Unding. Gleichbehandlung wäre das Mindeste, besser wäre eine Umkehrung."

Auch Flugbenzin werde in Deutschland und Europa nicht besteuert, während Deutschland auf Bahnstrom die höchste Steuer in der gesamten EU kassiere. Anders als beim Straßenverkehr zwinge die EU zudem die Mitgliedsstaaten, im Bahnverkehr Maut zu verlangen: "Eine Ausnahme gab es nur in der Corona-Krise. Diese Ausnahme sollte für Nachtzüge dauerhaft verlängert werden."

Massive Benachteiligung sieht Flege zudem bei der Infrastruktur, denn grenzüberschreitende Fernverkehrszüge sind auf die Oberleitung angewiesen: "Doch von 57 Grenzübergängen sind bisher nur 27 elektrifiziert." Gäbe es mehr Oberleitungen, würden sich durchgehende Zugverbindungen eher rechnen, so Flege. Insbesondere nach Polen und Tschechien sei für ICE und Nachtzüge "an fast allen Grenzübergängen der Eiserne Vorhang noch existent".

Thomas Wüpper

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