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23. Juni 2026 | 12:01 Uhr
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Wie die Touristik auf Krise als Dauerzustand reagieren kann

ARD-Wirtschaftsexpertin Anja Kohl (Foto) sieht die Touristik in einer dauerhaften Phase von Krisen und Transformation. Auf der Unternehmertagung von Lufthansa City Center sagte sie, Reisen bleibe gefragt, werde aber teurer und komplexer. Reisebüros hätten gute Chancen, wenn sie KI nutzten und zugleich Vertrauen, Beratung und Sicherheit stärkten.

Kohl Anja

ARD-Wirtschaftsexpertin Anja Kohl hält Vertrauen für die zentrale Währung bei der Reisevermittlung

Die Börsenkorrespondentin von ARD-Tagesschau und Tagesthemen stellte die rund 160 Tagungsteilnehmer auf eine Zukunft ein, die sich schneller verändert als frühere industrielle Umbrüche. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Dekarbonisierung und neue Arbeitswelten wirkten gleichzeitig auf Geschäftsmodelle ein.

Unternehmen dürften dabei nicht auf Gewissheit warten. Selbst große Technologiekonzerne wüssten nicht, wohin die KI-Entwicklung führe, sagte Kohl. Einige gefährdeten mit neuen KI-Anwendungen sogar ihre eigenen Geschäftsmodelle. Ihr Schluss daraus: Wer jetzt nichts mache, falle zurück.

Krisenbewältigung wird zur Kernkompetenz

Für die Reisebranche bezeichnet Kohl Krise nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand. Pandemie, Terror, Streiks, Rezessionen, Kriege, politische Umbrüche und Naturereignisse hätten die Branche krisenerprobt gemacht. Genau daraus könne ein Wettbewerbsvorteil entstehen.

"Sie haben mehr Krisenmanagement betrieben als manche Krisenmanager", sagte Kohl. Die Erfahrung im Umgang mit Unsicherheit werde künftig noch wichtiger. Aktuell wirkten vor allem der Krieg im Nahen Osten, volatile Flugpläne, höhere Energiekosten und geopolitische Risiken auf das Geschäft. Die Nachfrage breche deshalb nicht grundsätzlich weg. Je unsicherer die Welt werde, desto größer sei die Sehnsucht vieler Menschen, zu reisen.

Reisen wird nicht billiger

Kohl erwartet zugleich eine stärkere Preissensibilität. Weltwirtschaft und Inflation belasteten Kaufkraft und Unternehmensbudgets. Für Airlines bleibe Kerosin ein zentraler Kostenfaktor. Steigende oder schwankende Ölpreise träfen unmittelbar die Gewinnsituation.

Die Folge seien höhere Ticketpreise, Kapazitätsanpassungen und ein genauerer Blick der Airlines auf profitable Strecken. "Reisen wird nicht mehr billig", lautete eine ihrer Kernbotschaften. Für Reisebüros verschiebe sich der Wettbewerb. Sie verkauften nicht nur Reisen, sondern begleiteten Kunden durch die gesamte Reise. Dazu gehörten Alternativen bei Störungen, schnelle Kommunikation, Kulanzfragen, Versicherungen und Umbuchungen.

Sicherheit als Produkt

Kohl beschreibt Vertrauen als zentrale Währung. Sicherheit, Berechenbarkeit und Erreichbarkeit würden zum eigentlichen Produkt. Gerade darin liege der Unterschied zu reinen Online-Plattformen. Reisebüros müssten Kunden kennen, proaktiv informieren und im Krisenfall handeln. Sie seien nicht nur Vermittler, sondern Kuratoren, die Reisen einordnen, absichern und empfehlen. Wer in schwierigen Situationen verlässlich helfe, könne Kunden langfristig binden. Diese Rolle erfordere auch mehr Sichtbarkeit vor Ort. Reisebüros müssten erklären, warum Kompetenz im Zeitalter von KI an Wert gewinnt.

KI könne Angebote vorbereiten, Kundendaten auswerten, Nachfassaktionen personalisieren und Routineaufgaben übernehmen. Dadurch entstehe mehr Zeit für echte Beratung. Der Mensch werde in Zeiten künstlicher Intelligenz wertvoller, weil Kunden Anerkennung, Aufmerksamkeit und Einordnung suchten. Gemischte Teams aus jungen und erfahrenen Beschäftigten sollten ausprobieren, welche Anwendungen Nutzen bringen und wo Grenzen liegen.

Premium statt Preiskampf

Im Wettbewerb mit Online-Plattformen empfiehlt Kohl Reiseunternehmen, nicht über den Preis zu agieren. Zugang, Exklusivität, Problemlösung und persönliche Beziehung seien die stärkeren Argumente. Als Wachstumschance nannte sie die Verbindung von Geschäfts- und Privatreisen. Wer beruflich an attraktive Orte reise, könne Aufenthalte verlängern oder Familie mitnehmen. Das erhöhe den Umsatz pro Kunde.

Auch Nachhaltigkeit bleibe relevant, selbst wenn der Begriff an Strahlkraft verloren habe. Reisende fragten weiter nach Auswirkungen, Auslastung von Zielen, Alternativen bei der Anreise und verantwortungsvollen Angeboten. Klimafolgen würden Destinationen und Reisezeiten zudem stärker verändern.

Christian Schmicke

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