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12. Juni 2024 | 07:00 Uhr
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Wie Reisebüros auf die FTI-Pleite blicken

Rund ein Drittel der etwa 600 Reisebüroprofis, die an einer aktuellen Reise- und Counter-vor9-Umfrage teilnahmen, sieht sich durch die Insolvenz der FTI Group mit einem erheblichen Schaden konfrontiert. Für die Mehrheit ist der Schaden indes überschaubar.

Pleite Finanzprobleme Sorgen

Einen Teil des Vertriebs bringt die FTI-Pleite in ernste wirtschaftliche Probleme 

Anhand der Umfrage wird deutlich erkennbar, dass die Einschätzungen zu FTI im Vertrieb spätestens seit dem Beginn der Corona-Pandemie deutlich auseinanderdrifteten. Das geht nicht zuletzt aus mehr als 160 Kommentaren hervor, die die Befragten hinterließen.

Zusammengefasst lässt sich der Vertrieb in drei Gruppen unterteilen. Zum einen gibt es diejenigen, die intensiv mit den FTI-Marken zusammenarbeiteten und sie, teils aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur TVG oder zu Reiseland, als Leitveranstalter verkauften. Zum anderen ist da jener Teil des Vertriebs, der FTI gar nicht oder nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch verkaufte. Und eine dritte Gruppe bediente sich an einzelnen Produktgruppen – wie etwa Campern, Flügen, Hotels oder Gruppen- und Städtereisen.

Zwölf Prozent sehen schwere Schäden

Entsprechend unterschiedlich fällt die Schadensbilanz aus. So sehen zwölf Prozent der befragten Reisebüros einen sehr schwerwiegenden Schaden für ihr Unternehmen, weitere 21 Prozent erkennen einen eher schwerwiegenden Schaden. Für 38 Prozent ist der Schaden weniger schwerwiegend, für 29 Prozent unerheblich.

Indes beklagen jeweils rund 55 Prozent der Umfrageteilnehmer nicht vergütete Mehrarbeit, unzufriedene Kunden und entgangene Provisionseinnahmen. 68 Prozent glauben, dass der Ruf der Reisebranche durch die Insolvenz von FTI Schaden genommen hat. Dass künftig ein wichtiger Anbieter im Portfolio fehle, meinen 53 Prozent.

Bitterkeit unter FTI-nahen Büros

Unter den stark von der Pleite betroffenen Reisebüros herrscht durchaus Bitterkeit. "Da die aktuellen Reisen sehr kurzfristig abgesagt werden, haben wir kaum eine Chance preisgleich wieder einzubuchen und den Kunden fehlt häufig das Geld, die Reisen doppelt zu bezahlen", schreibt ein Vertriebsprofi, und weiter: "Das Vertrauen der Kunden geht verloren."

"Der meiste Umsatz ging an die FTI-Group", heißt es in einem anderen Kommentar. Das hatte Folgen: "Was soll ich sagen: Ich stehe vor einem Scherbenhaufen! Belogen, betrogen und das, obwohl die Anzeichen bekannt waren. Ich war so naiv und dumm, diesem Verein vertraut zu haben. Die können sich aber auch sowas von gut verkaufen und selbstverherrlichen, da ist es unmöglich, nicht reinzufallen."

Kritik an Reisebüroorganisationen

Auch mit der eigenen Reisebüroorganisation hadern einige Vertriebsprofis. Zwei Beispiele: "Wir sind ein sehr starkes FTI-Büro. Durch unsere Nähe als Reiseland Reisebüro wurden wir auch von unserer Kette auf FTI 'hingesteuert'. Jetzt stehen wir mit nix da und erhalten keine Hilfe und keine Unterstützung. Unser Reisebüro wird höchstwahrscheinlich geschlossen werden. Danke an die Herren von FTI fürs Belügen, Betrügen und im Stich lassen!" Und: "Wir sind fassungslos von der Insolvenz und werden von unserer Kette Reiseland total im Stich gelassen. Die Franchisegebühren werden weiter schön brav abgebucht, aber kein einziger Anruf, wie und ob es uns gut geht!"

Auch Zukunftssorgen sind keine Seltenheit: "Wir haben viele Gruppenreisen gebucht, mit ungewissem Ausgang im Moment. Die Hälfte aller Buchungen sind über FTI gelaufen – wir brauchen schneller mehr Infos, um endlich im Sinne aller Gäste handeln zu können. Blockierte Kontingente der FTI Touristik müssten endlich freigegeben werden oder es müsste eine Übernahme der Buchungen durch andere Veranstalter erfolgen. Die Ungewissenheit ist schlafraubend, macht dauernervös und kann nicht gesund sein."

"Schieflage rechtzeitig erkannt"

Bei anderen Agenturen herrscht die Überzeugung, die Zeichen für eine Schieflage bei FTI im Vorfeld richtig erkannt zu haben. "Wir haben rechtzeitig die Reißleine gezogen und nur noch kurzfristige Reisen bei FTI gebucht", schreibt ein Kommentator. "Es ist hart, aber wahr: Wer die Zeichen nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte, ist selber schuld", urteilt ein anderer.

Ihre Aussagen stehen stellvertretend für den Teil des Vertriebs, der FTI in jüngerer Zeit mied. Einige Kommentatoren vertreten dabei die These, negative Schlagzeilen hätten die Pleite des Konzerns mitverursacht oder beschleunigt. Auch die von FTI nach der Pleite lancierte Aussage, trotz des im April verkündeten Einstiegs eines Investoren-Konsortiums um den Finanzinvestor Certares seien die Buchungszahlen "deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben", geht in diese Richtung.

Andere Kommentatoren argumentieren hingegen, die auf Marktanteile ausgerichtete aggressive Preispolitik des Unternehmens sei die Ursache für den Untergang. So oder so: Das Thema wird die Branche noch eine Weile beschäftigen.

Christian Schmicke

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