Kompensation – Auslaufmodell oder Beitrag zum Klimaschutz?
Sollten Reiseunternehmen ihren Kunden weiterhin Kompensation anbieten? Kurz gesagt: Ja, aber bewusst, transparent und mit klaren Qualitätskriterien, schreibt Futouris in einem Gastbeitrag für Reise vor9. Hochwertige Klimaschutzprojekte könnten Wirkung entfalten, doch entscheidend sei, dass Reisende und Anbieter verstehen, welche Wirkung eine Zahlung tatsächlich erzeugt.
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CO2-Kompensation ist sinnvoll, wenn sie nach transparenten Kriterien eingesetzt wird, schreibt Futouris im Gastbeitrag für Reise vor9
Kaum ein Begriff hat das Reisegewissen so geprägt wie CO2-Kompensation. Gleichzeitig haben aktuelle Studien den Markt aufgerüttelt: So kam die Fachanalyse "Are Carbon Offsets Fixable?" (Annual Reviews, 2024) zu dem Schluss, dass viele Kompensationsprojekte zu wenig Wirkung entfalten und kritisiert unter anderem doppelte Anrechnungen und unsichere Langfristwirkung. Das ist ernstzunehmende Kritik, bedeutet aber nicht, dass Kompensation grundsätzlich wirkungslos wäre. Die Studien zeigen vielmehr, worauf es ankommt: Projekte brauchen saubere Methodik, nachvollziehbare Berechnungen und klare Dokumentation. Wo diese Standards greifen, können Kompensationsprojekte realen Mehrwert schaffen.
Wann Kompensation wirklich zählt
Seit dem Pariser Klimaabkommen ist klar geregelt, was "echte" Kompensation bedeutet: Die CO2-Einsparung eines Projekts darf nicht gleichzeitig vom Projektland für seine Klimaziele genutzt werden. Damit das eindeutig ist, braucht es eine offizielle Vereinbarung zwischen Land und Anbieter, das sogenannte "Corresponding Adjustment".
Ein Beispiel: Baut die Dominikanische Republik eine Solaranlage, nutzt sie die CO2-Einsparung normalerweise für ihre eigene Klimabilanz. Werden diese Einsparungen jedoch an einen Kompensationsanbieter übertragen, verzichtet das Land auf diese Anrechnung. So entsteht ein zusätzlicher, global wirksamer Klimanutzen, weil die Einsparung nicht doppelt gezählt wird. Solche Projekte sind aufwendig und noch selten, zeigen aber das Potenzial hochwertiger Kompensation.
Klimaschutzbeiträge: Wirkung ohne Zertifikat
Viele Reiseunternehmen bieten stattdessen Klimaschutzbeiträge an, also Spenden an Projekte ohne "Corresponding Adjustment". Sie fördern erneuerbare Energien oder Aufforstung und unterstützen Länder dabei, ihre eigenen Klimaziele zu erreichen. Ihre Wirkung ist eher ergänzend als zusätzlich, bleibt aber ein wichtiger Baustein globaler Klimaschutzstrategien.
Die neue EU-Richtlinie Empowering Consumers (EmpCo) verbietet künftig Werbung mit "klimaneutral", wenn sie allein auf Kompensationen basiert. Klimaschutzprojekte dürfen weiterhin gefördert werden, aber ihre Wirkung muss eindeutig beschrieben werden. Für die Touristik bedeutet das: Angebote müssen transparenter werden – eine Herausforderung, aber auch eine Chance für glaubwürdigere Kommunikation (Mehr dazu in einem kommenden Beitrag zu EU-Nachhaltigkeitsvorgaben.)
Transparenz schafft Vertrauen
Ob Kompensation oder Klimaschutzbeitrag: Entscheidend ist Transparenz. Nur wer versteht, wo Emissionen entstehen und wie Projekte wirken, kann fundierte Entscheidungen treffen. Tools wie Klimalink machen den CO2-Fußabdruck einer Reise sichtbar und zeigen, wo sich zuerst vermeiden oder reduzieren lässt, bevor überhaupt kompensiert wird. Transparenz ist dabei kein Ersatz für Kompensation, sondern ihre Grundlage.
Kompensation und Klimaschutzbeiträge bleiben wichtige Klimaschutz-Bausteine, wenn sie hohen Standards folgen und offen kommuniziert werden. Sie finanzieren Klimaschutz dort, wo er besonders dringend ist, ersetzen aber keine direkten Emissionsreduktionen.
Noch wichtiger sind daher Maßnahmen, die unmittelbar in der touristischen Wertschöpfungskette ansetzen: etwa nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF), energieeffizientere Unterkünfte, emissionsarme Mobilität und bewussteres Reiseverhalten.
Am Ende zählt, die Klimawirkung einer Reise zu kennen und wirksame Maßnahmen umzusetzen, um diese zu verringern. Transparenz macht Klimaschutz nachvollziehbar, und aus guter Absicht echte Wirkung.
Über Futouris: Futouris ist die Nachhaltigkeitsinitiative der deutschsprachigen Tourismusbranche. Die Initiative setzt mit Mitgliedern und Partnern innovative, übertragbare Lösungen um, die Destinationen stärken, Lebensräume bewahren und die Tourismusbranche Schritt für Schritt nachhaltiger und resilienter machen sollen.
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