Tägliche News für die Travel Industry

4. Oktober 2021 | 14:28 Uhr
Teilen
Mailen

Bald kein Bahn-Ticket mehr beim Schaffner

Ab Januar werden Fahrkarten in Fernzügen der Deutschen Bahn nur noch per App bis zehn Minuten nach Abfahrt buchbar sein – danach wird es richtig teuer. Bisher ist der Ticketkauf im ICE oder Intercity noch gegen einen Aufpreis von 17 Euro möglich.

Bahn ICE 3 Foto iStock huettenhoelscher

Einfach einsteigen in den ICE ohne Ticket, gehört bald zur Vergangenheit

Eine DB-Sprecherin bestätigt die beschlossenen Änderungen, die bisher kaum bekannt sind. Nach Darstellung des Staatskonzerns betreffen die Änderungen "nur ein Prozent der Fahrgäste". Vor allem eilige Geschäftsreisende nutzen demnach noch den teureren Ticketkauf beim Schaffner. Denn an Bord muss nicht nur der Zuschlag, sondern auch der hohe Flexpreis bezahlt werden, der doppelt oder dreifach so hoch sein kann wie ein vorab gekauftes Sparticket mit Zugbindung.

Beim Fahrgastverband Pro Bahn stößt die Abschaffung auf Kritik. "Das macht die Bahn als Verkehrsmittel nicht attraktiver", sagt Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender von Pro Bahn. Wer kein Smartphone und andere digitale Kanäle nutze, werde benachteiligt, zumal es an immer mehr Regionalbahnhöfen weder Schalter noch Automaten gebe, wo man DB-Tickets für den Fernverkehr erwerben könne. Auch verkauften immer weniger Reisebüros noch Fahrkarten.

Ausnahme nur noch für Schwerbehinderte

Der Staatskonzern verweist darauf, dass in Reisezentren und an Automaten an Bahnhöfen, online über Bahn.de, per DB Navigator am Handy und per Telefon mit Postversand vorab Tickets für den Fernverkehr gekauft werden können. Nur Reisende mit einer Schwerbehinderung sollen die Fahrkarten auch künftig beim Zugpersonal erhalten und ab Ende 2022 dafür nachträglich eine Rechnung bekommen.

Mit der Einstellung des Ticketverkaufs im Zug will der schlingernde und hoch verschuldete DB-Konzern zum einen Kosten einsparen. Bisher fallen für die Schulung der Zugbegleiter und die Geräte zum Fahrkartenverkauf erhebliche Ausgaben an, heißt es intern. Zum anderen soll das "Graufahren" erschwert werden. So wird die Masche bezeichnet, ohne Ticket in den Zug zu steigen und zu hoffen, dass keine Kontrolle kommt.

Ohne Ticket fahren, kostet das Doppelte

Künftig helfen Ausreden kaum noch, wenn weder Papier- noch Online-Ticket vorhanden sind. Dann wird es richtig teuer. Laut Gesetz wird der doppelte Fahrpreis fällig, mindestens aber 60 Euro. Im schlimmsten Fall berechnet die DB den doppelten Flexpreis für die gesamte Zugverbindung, das können dann zwischen 250 und 300 Euro "erhöhtes Beförderungsentgelt" sein.

Zu vermehrten Streitfällen könnte es kommen, wenn Fahrgäste sich darauf verlassen, die Fahrt per Smartphone auch noch im Zug buchen zu können – und dann die Verbindung nicht funktioniert, weil das W-Lan an Bord gestört oder die Mobilfunkabdeckung in der Region und entlang der Strecke ungenügend ist. Nicht nur Stammkunden in der 1. Klasse werden in solchen Fällen auf Kulanz hoffen, damit das Ticket auch nach Ablauf der Zehn-Minuten-Frist noch per App gekauft werden kann. 

Bei Pro Bahn sieht man generell Entwicklungen mit Skepsis, die den einfachen Zugang für Fahrgäste zum Schienenverkehr erschweren. "Die Bahn ist ein Massenverkehrsmittel, trägt zum Klimaschutz bei und sollte möglichst leicht für alle zu nutzen sein", sagt Naumann. Dafür seien im Idealfall Tickets nötig, die "überall nach überall" gebucht werden können. In Deutschland werde das schon durch die Trennung von Fern- und Regionalverkehr erschwert.

Thomas Wüpper

Anzeige FRAPORT