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26. Mai 2020 | 16:54 Uhr
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Experten halten EU-Vorgaben bei Flügen für unzureichend

Dass Airlines zum Schutz vor Ansteckungen mit dem Coronavirus nur einen freien Mittelplatz vorhalten oder jede zweite Reihe freilassen müssen, solange "die Zahl der Passagiere es erlaubt", gefährdet nach Recherchen des ARD-Magazins "Report Mainz" die Gesundheit der Passagiere.

Die EU hatte am vergangenen Donnerstag ihre Vorgaben zur Wiederaufnahme des Flugverkehrs vorgestellt: Ein zentraler Punkt war dabei, dass Passagiere während der Reise Schutzmasken tragen und körperlichen Abstand einhalten sollen. Dazu sollten die Airlines im Flugzeug den Mittelplatz je Reihe oder jede zweite Reihe freilassen.

Nach Maßgabe der Kommission müssen sich die Airlines jedoch daran nur halten, solange "die Zahl der Passagiere es erlaubt". Wenn das Flugzeug ausgebucht ist, brauchen die Fluggesellschaften an Bord nicht mehr für Abstand zu sorgen.

Recherchen von "Report Mainz" ergaben, dass bereits in den vergangenen Tagen voll besetzte Flugzeuge von deutschen Flughäfen gestartet seien, ohne dass Sitzplätze freigelassen worden seien. Die Passagiere hätten während der mehrere Stunden andauernden Flüge maximal einen Abstand von 50 Zentimetern einhalten können und beim Ein- und Aussteigen dicht an dicht im Mittelgang gestanden.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft habe auf Anfrage mitgeteilt, das Infektionsrisiko im Flugzeug sei "extrem gering", heißt es. Erreicht werde dies durch Mund-Nasen-Schutz und spezielle Filter, die für OP-Luft in der Kabine sorgen würden.

"Ziemlich gefährlich"

Der amerikanische Forscher Qingyan Chen erklärte gegenüber dem Magazin, die Aussagen der Fluggesellschaften seien "irreführend“. Der Wissenschaftler, der im Auftrag der US-Luftfahrtbehörde FAA und des Flugzeugherstellers Boeing zu Infektionsrisiken in Flugzeugkabinen geforscht hat, hält volle Flieger laut dem Bericht für "ziemlich gefährlich".

Im Interview mit "Report Mainz“ sgte er, Untersuchungen hätten gezeigt, "dass die Tröpfchen bis zu vier Minuten lang an Bord zirkulieren können, bevor sie in der Klimaanlage gefiltert werden". Am gefährlichsten sei der Sitz direkt neben einem kranken Passagier. Chen kritisiert demnach das Konzept der EU-Kommission als unzureichend: "Entweder die Fluggesellschaften lassen den Mittelsitz frei oder sie geben den Passagieren richtige Masken mit FFP2-Standard."

Selbstgenähte Masken kein Ersatz für Abstand

Der Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule Berlin bemängelt in dem TV-Bericht zudem, dass die EU-Kommission OP-Masken oder selbstgenähte Masken als Ersatz für den physischen Abstand erlaube: "Wenn ein kranker Passagier gegen die Maske hustet, dann kann es sehr gut sein, dass dann durch den Druck nach außen, hinten und seitlich dann die Tröpfchen weiterverbreitet werden. Gerade zu den Sitznachbarn", sagt er und fordert, dass die Airlines FFP2-Masken an ihre Passagiere ausgeben sollten oder alternativ den Mittelsitz freilassen müssten.

Ähnlich äußert sich Flugzeugforscher Dieter Scholz von der Hamburg University of Applied Sciences. Ein freier Mittelsitz könne das Risiko einer Infektion um den Faktor 10 reduzieren, so seine Berechnung. Scholz hält das Konzept der EU und der Airlines zum Infektionsschutz für völlig unzureichend: "So kann man Infektionen im Flugzeug auf keinen Fall verhindern. Wir werden belogen, ohne dass die Airlines dabei rot werden."

Die EU-Kommission räumte gegenüber "Report Mainz" laut Bericht ein, dass eine Ansteckung durch Atemtröpfchen von Sitznachbarn durchaus möglich sei. "Wir wollen das Risiko vermindern - eliminieren können wir es nicht", so ein Sprecher der Kommission schriftlich.

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