Warum Hantaviren auf Kreuzfahrten wohl die Ausnahme bleiben
Der Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius ist nach Einschätzung von Kreuzfahrtforscher Alexis Papathanassis kein Corona-Moment für die Branche. Der Professor der Hochschule Bremerhaven sieht den Fall als seltene Ausnahme. Kreuzfahrtschiffe blieben wegen enger Kontakte und vieler Landgänge anfällig für Infektionen.
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Der Hantavirus-Ausbruch auf der Hondius hat die Öffentlichkeit aufgeschreckt, wird aber wohl kaum zur regelmäßigen Gefahr
Der Hantavirus-Ausbruch auf der Hondius hat wegen Evakuierungsflügen, Schutzanzügen und Todesfällen große Aufmerksamkeit ausgelöst. Kreuzfahrtforscher Papathanassis warnt jedoch vor vorschnellen Parallelen zur Corona-Pandemie. "Eine Parallele sehe ich da nicht", sagt der Professor für Seetouristik an der Hochschule Bremerhaven im Reise-vor9-Podcast.
Der Fall sei außergewöhnlich. Bei Ausbrüchen auf Kreuzfahrtschiffen gehe es meist um Noroviren und damit um Magen-Darm-Erkrankungen. Hantavirus-Ereignisse an Bord seien dagegen eine seltene Ausnahme. Zugleich mache der Fall deutlich, dass Kreuzfahrtschiffe für bestimmte Infektionen anfällig bleiben.
Enge Räume und viele Kontakte
Papathanassis verweist auf die besondere Umgebung an Bord. Passagiere kämen auf engem Raum häufig miteinander in Kontakt, etwa in Restaurants. Hinzu kämen Landgänge in verschiedenen Ländern und Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen. Dadurch wachse das Spektrum möglicher Erreger.
Das bedeute aber nicht, dass Kreuzfahrten grundsätzlich ein hohes Risiko darstellten. Auf der Ebene einer einzelnen Reise sei die Wahrscheinlichkeit, von einem solchen Ereignis betroffen zu sein, "relativ gering". Auch in großen Hotels oder Flugzeugen entstünden vergleichbare Risiken durch die Nähe vieler Menschen.
Während der Corona-Pandemie habe die Branche ihre Prozesse deutlich weiterentwickelt. Reedereien hätten an Frühwarnsystemen, Desinfektionsprotokollen und Hygienemaßnahmen gearbeitet. Gerade bei bekannten Erregern gebe es eingespielte Abläufe. Schwieriger werde es bei seltenen oder neuen Infektionen, weil die Diagnose Zeit kosten könne.
Früherkennung bleibt zentral
Nach Einschätzung von Papathanassis sind Reedereien grundsätzlich gut auf Infektionsausbrüche vorbereitet. Kreuzfahrtschiffe unterlägen strengen Hygienevorschriften, die Crews seien geschult. Wichtig sei vor allem, erste Anzeichen früh zu erkennen.
Dabei spielen Schwellenwerte und Frühwarnindikatoren eine Rolle. Papathanassis nennt als Beispiel die US-Gesundheitsbehörde CDC, bei der ab drei Prozent erkrankter Passagiere eine Meldung fällig werde. Andere Regionen setzten andere Maßstäbe. China reagiere bei Magen-Darm- oder Atemwegserkrankungen teils früher. Für Europa verweist er auf ein Handbuch zu Hygienestandards für Passagierschiffe, feste Meldeschwellen gebe es nicht.
Wenn ein Ausbruch erkannt werde, griffen übliche Maßnahmen: Isolation betroffener Passagiere, verstärkte Desinfektion, mögliche Sperrungen einzelner Bereiche und in extremen Fällen auch der Abbruch einer Reise. Zudem seien Schiffe häufig auf Unterstützung an Land angewiesen. Beim Hondius-Fall habe diese Schnittstelle nach den verfügbaren Informationen nicht optimal funktioniert; eine abschließende Bewertung vermeidet Papathanassis aber, weil ihm nicht alle Fakten vorlägen.
Passagiere tragen Verantwortung
Ein entscheidender Punkt ist für Papathanassis das Verhalten der Gäste. Wer sich krank fühle, müsse Symptome früh melden. Genau dort liege eine Schwachstelle: Manche Passagiere könnten befürchten, in der Kabine isoliert zu werden und Teile der Reise zu verpassen.
Frühe Meldungen könnten jedoch verhindern, dass sich ein Erreger an Bord ausbreite. „Je früher man reagiert, desto unwahrscheinlicher ist es, dass das zu einem Ausbruch kommt“, sagt Papathanassis sinngemäß. Protokolle, Ärzte und Bordhospitäler seien vorhanden. Sie wirkten aber nur, wenn Symptome bekannt würden.
Die mediale Aufmerksamkeit rund um den Hondius-Fall könne deshalb auch einen positiven Effekt haben. Sie sensibilisiere Reisende dafür, Beschwerden nicht zu verheimlichen. Nach der Pandemie sei das Bewusstsein für Ansteckungsrisiken ohnehin gestiegen.
Christian Schmicke
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