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17. Juli 2019 | 07:00 Uhr
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Warum Airlines und Flugsicherung beim Flugchaos uneins sind

Während die Flugsicherung, der Flughafenverband ADV und das Fluggastrechteportal Flightright zumindest für Deutschland eine leichte Entspannung bei Verspätungen und Flugausfällen erkennen, erklärt die europäische Airline-Lobbyorganisation A4E, die Lage sei genauso schlimm wie 2018.

Das Fachportal "Aero“ zitiert Ryanair-Chef Michael O’Leary mit den Worten, die Verspätungslage im europäischen Flugverkehr sei im Sommer 2019 "so schlimm wie im vergangenen Jahr, aber es hätte noch viel schlimmer kommen können wenn Eurocontrol nicht eingeschritten wäre". Nach Zahlen des europäischen Airline-Verbandes A4E war von Januar bis Juni der Anteil der auf Unterbesetzung bei Fluglotsen und Kapazitätsprobleme im Luftraum zurückzuführenden Verspätungen auf 71 Prozent gestiegen. In den Vorjahren sei dies jeweils nur die Ursache für 65 Prozent der Verspätungen gewesen. Insgesamt habe die Anzahl der durch solche strukturellen Probleme verursachten Verspätungsminuten gegenüber 2017 im ersten Halbjahr 2019 um 114 Prozent zugenommen, so A4E.

Flugsicherung sieht Verbesserungen

Wenn ein Flug verspätet gewesen sei, habe die Verspätung diesem Jahr jeweils 30 bis 45 Minuten betragen. 2016 habe die durchschnittliche Verspätung betroffener Flüge noch bei zwölf Minuten gelegen. Die Airline-Lobbyisten beziehen sich dabei nicht auf die absolute zahl der Verspätungen, sondern sie erfassen lediglich den Anteil derjenigen Verzögerungen, die auf das Konto der Flugsicherung geht, und auch in dieser Hinsicht ist ihre Analyse eine ganz andere als die der Flugsicherung selbst. So erklärte die Deutsche Flugsicherung jüngst, flugsicherungsbedingte Verzögerungen machten insgesamt nur einen geringen Teil der gesamten Verspätung aus. Nach Angaben der europäischen Flugsicherungsagentur Eurocontrol habe von Januar bis Mai die durchschnittliche Verspätung pro Flug 11,3 Minuten betragen, fast die Hälfte davon sei von den Airlines verursacht worden. Der Anteil der europäischen Flugsicherungen habe in den ersten fünf Monaten bei weniger als einer Minute gelegen. Und in Deutschland sei im Juni die durchschnittliche Verzögerungsdauer mit 106 Sekunden pro Flug um 15 Sekunden gesunkten.

Flughäfen stoßen ins Horn der Airlines

Der Flughafenverband ADV erklärt im Hinblick auf den deutschen Flugmarkt, trotz neuer Spitzenwerte zu Beginn der Sommerferien bei der Zahl der Reisenden und bei den Flugbewegungen habe sich die Pünktlichkeit "deutlich verbessert". Auch sei die Zahl der Flugstreichungen an allen deutschen Flughäfen stark zurückgegangen. Dies gelte sowohl für die Drehkreuze als auch für kleinere Airports, so ADV-Geschäftsführer Ralph Beisel.

Das Fluggastrechteportal Flightright registriert von Januar bis Juni 2019 knapp 7.400 Flugausfälle. Das seien rund 23 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Knapp 50.000 Flüge hätten mit mehr als 30 Minuten Verspätung ab. Auch diese Zahl sei im direkten Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum leicht rückläufig. Die häufigsten Verspätungen habe es in Frankfurt gegeben. Fast zwölf Prozent der Flüge, die in den vergangenen sechs Monaten am größten deutschen Drehkreuz starteten, seien verspätet gewesen. Die meisten Annullierungen habe es in Dresden mit rund drei Prozent ausgefallenen Flügen gegeben. Die wenigsten Verspätungen verzeichnete laut Flightright der Flughafen Leipzig mit knapp fünf Prozent. Die prozentual wenigsten Ausfälle habe es am Flughafen Berlin Schönefeld mit 0,4 Prozent gegeben.

Dauerthema Single European Sky

Die Airlines sehen dagegen Verbesserungen im Luftraum nur „an einigen neuralgoischen Punkten der europäischen Luftraumverwaltung, wie in den Kontrollzentren Marseille, Maastricht und Karlsruhe". Das Kontrollzentrum Marseille sei dagegen, vor allem aufgrund häufiger Streiks, eine der Achillesfersen in Südeuropa, zitiert "Aero" den Verband A4E.

Zudem monieren die Airlines, dass sie teils große Umwege fliegen müssten, weil die Flugsicherungen die kürzeren Routen nicht im Griff hätten. Willie Walsh, der Vorstandschef der Airline-Holding IA, erklärte laut „Aero“: "Auf einem Flug von Madrid nach Florenz sind die Airlines zeitweise gezwungen, einen Umweg von 500 Kilometer oder 37 Flugminuten durch den tunesischen und algerischen Luftraum zu fliegen, um den Kontrollbereich Marseille zu umgehen."

Solche Ineffizienzen hätten europaweit in diesem Jahr zu 27 Prozent mehr Spritverbrauch und 30 Prozent längerer Flugdauer geführt, heißt es von A4E, und weiter: "Es ist ein Skandal dass wir immer noch auf Flugrouten aus den 1940er und 1950er Jahren unterwegs sind und damit pro Jahr zehn Prozent mehr CO2-Ausstoß verursachen als wenn es einen einheitlichen Himmel über Europa gäbe. Wir könnten den Single European Sky morgen haben, stattdessen diskutieren Politiker seit 18 Jahren darüber und es ist absolut nichts passiert“.

Die unterschiedliche Einschätzung der Entwicklungen erweist sich damit erneut in erster Linie als Mittel, um die eigenen Forderungen zu untermauern. Während Airports und Airlines der Auffassung sind, sie selbst hätten ihre Hausaufgaben gemacht, während die Flugsicherung weiterhin der entscheidende Flaschenhals bliebe, ist letztere bemüht, die Wirkung ihrer Anstrengungen zur Linderung der Personalknappheit hervorzuheben. Offenbar heiligt nicht nur der Zweck die Mittel, sondern er bestimmt auchdie Auswahl der Datenbasis.

Christian Schmicke

 

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