Kerosindebatte spaltet Touristik, Airlines und Politik
Die Einschätzungen zur Kerosinversorgung gehen auseinander. TUI-Chef Sebastian Ebel sieht derzeit keinen Mangel und kein Risiko für Flugausfälle in den Sommerferien. Der Luftfahrtverband BDL warnt dagegen vor Engpässen und fordert Prioritäten sowie staatliche Gegenmaßnahmen. Auch die Politik berät über Schritte zur Sicherung der Versorgung.
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Sind in Europa nur steigende Preise das Problem beim Kerosin oder auch eine drohende Knappheit?
In der Debatte über die Kerosinversorgung prallen derzeit sehr unterschiedliche Einschätzungen aufeinander. TUI-CEO Ebel hält die Lage in Deutschland für beherrschbar. Deutschland verfüge über hohe Raffineriekapazitäten, die im Januar nicht zurückgebaut worden seien, sagte er bei dem Infokanal Welt TV. Deshalb gehe er von einer ausreichenden Versorgungssicherheit aus.
Auch für das eigene Geschäft sieht Ebel kurzfristig keine größeren Risiken. TUI habe beim Einkauf von Kerosin vorgesorgt und sich über zuvor festgelegte Ölkontrakte abgesichert. Für den Sommerurlaub müsse sich aus seiner Sicht niemand Sorgen machen, bei Flugtickets erkenne er eine hohe Preisstabilität mit den üblichen Nachfrageschwankungen.
Luftfracht fordert klare Vorrangregeln
Deutlich warnender äußert sich Christopher Stoller, Präsident des Air Cargo Clubs Deutschland, einer Lobbyorganisation der Frachtsparte. Falls Kerosin knapp werde, müsse die Wirtschaft Vorrang vor Urlaubsfliegern haben, sagte er bei Welt TV. Lieferketten ließen sich nicht nach Belieben an- und abschalten, gerade für ein exportorientiertes Land wie Deutschland sei Luftfracht unverzichtbar.
Stoller plädiert daher für eine Differenzierung im Ernstfall. Innerdeutsche Flüge oder touristische Verbindungen könnten eher ersetzt werden, etwa durch andere Verkehrsträger. Für die interkontinentale Versorgung gelte dagegen, dass Kerosin verfügbar sein müsse, um Luftfracht weiter bewegen zu können.
Politik setzt auf Sparen und Krisengespräche
Ähnlich argumentiert der Grünen-Politiker Michael Kellner. Innerdeutsche Flüge, Kurzstrecken ins europäische Ausland und Privatjets seien angesichts eines möglichen Treibstoffmangels verzichtbar, sagte er der Nachrichtenagentur DPA. Vorrang haben sollten aus seiner Sicht Frachtverkehr, internationale Verbindungen und Rettungsflüge. Zugleich dringt er auf eine Entscheidung über eine grüne Kerosinfabrik in der Lausitz und nennt E-Fuels im Luftverkehr dringend notwendig.
Die Bundesregierung berät derweil mit der Branche über die Versorgungslage. Staatssekretäre aus dem Bundeswirtschafts- und dem Bundesverkehrsministerium wollten am Montag mit Verbänden sprechen. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums gibt es wegen der Folgen des Iran-Kriegs bereits wöchentliche Krisentreffen mit Branchenvertretern und den zuständigen Ressorts, nun mit dem Schwerpunkt Kerosin.
BDL verlangt Reserven, Flexibilität und Entlastungen
Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft begrüßt den Austausch, warnt aber zugleich vor den Folgen der Nahost-Krise. Einschränkungen des internationalen Luftraums und die Sperrung der Straße von Hormus belasteten den Luftverkehr erheblich, vor allem beim Kerosinpreis. Nach Angaben des BDL hat sich dieser seit Beginn des Konflikts mehr als verdoppelt.
Der Verband fordert deshalb ein Krisenpaket auf nationaler und europäischer Ebene. Genannt werden die Freigabe strategischer Reserven, die kurzfristige Zulassung der Kerosinkategorie Jet A zusätzlich zu Jet A-1 sowie befristete Durchleitungsrechte für das Nato-Pipeline-System CEPS. Außerdem nutzt der BDL die Situation, um erneut Kostenentlastungen wie eine temporäre Aussetzung des Emissionshandels oder niedrigere ETS-Kosten sowie national eine befristete Aussetzung der Luftverkehrsteuer zu fordern.
Interpretation hängt an der Interessenlage
Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass sämtliche Akteure die Lage gerade so interpretieren, wie es ihnen passt. Während die Touristik nichts mehr fürchtet als Besorgnis erregende Prognosen, die die Kundschaft verunsichern und das Sommergeschäft zusätzlich belasten könnten, schaltet die Luftfahrt in den Alarmmodus. Sie sieht offenbar gute Chancen, nun endlich lange geforderte Entlastungen durchzusetzen.
In der Politik versucht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, zu vermitteln, dass alles unter Kontrolle sei, während von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil regelmäßig Mahnungen kommen. De facto sieht es derzeit so aus, dass Fluggesellschaften unrentable Strecken streichen und alte, Kerosin fressende Flieger stilllegen. Im Fall von Lufthansa wird das Maßnahmenpaket bekanntlich um die abrupte Einstellung des Flugbetriebs der Tochtergesellschaft Cityline ergänzt, die die betroffenen Beschäftigten empört.
Christian Schmicke
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