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16. Oktober 2019 | 07:00 Uhr
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Warum macht Reisen trotz Klimawandel Sinn, Herr Kubsch?

Klima ist wichtig, aber nicht alles, sagt Studiosus-Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch im Interview mit Reise vor9. Die Tourismusindustrie müsse den Klimaschutz offensiv angehen und mehr tun, aber "es wäre fatal, wenn die junge Generation nicht mehr reisen und sich abschotten würde."

Kubsch Peter-Mario Studiosus Geschäftsführer

Peter-Mario Kubsch, Chef des Reiseveranstalters Studiosus, hält ein Plädoyer für das Reisen: "Völkerverständigung lebt davon, dass Menschen sich begegnen"

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Kanada Alberta Writing-on-Stone Provincial Park Foto Michael Matt

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Greta Thunberg rüttelt die Welt wach und macht Reisenden ein schlechtes Gewissen. Zu Recht?

Den Reisenden – nein. Uns als Gesellschaft – ja. Wir haben in den vergangenen Jahren alle zu wenig für den Klimaschutz getan.

Wie reagieren Studiosus-Kunden auf die Klimadebatte?

Wir hören von Kunden und aus Reisebüros, dass über Flugscham und Klimaschutz diskutiert wird. Ein Beispiel: Ein Ehepaar, das jedes Jahr ein halbes Dutzend Mal mit uns unterwegs ist, sagte mir, sie trauen sich nicht mehr, ihren Enkeln zu erzählen, dass sie in zwei Wochen schon wieder verreisen. Sie fürchten, dass es heißt: Schämt ihr euch nicht, schon wieder zu fliegen. Ob die ganze Diskussion tatsächlich zu einem Verzicht oder zur Einschränkung beim Reisen führt, ist für uns noch nicht erkennbar.

Warum sollen Menschen trotzdem reisen?

Die Klimadebatte ist wichtig, aber wir dürfen nicht alles darauf reduzieren. Nachhaltigkeit ist mehr als Klimaschutz: der Dreiklang von Ökologie, Ökonomie und Sozialem – darum geht es. Die Entwicklung in vielen Ländern hängt vom Tourismus ab. Millionen Menschen weltweit leben von den Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft, ihre Existenz wäre bedroht. Reisen macht auch aus anderen Gründen ganz viel Sinn. Reisen bringt Menschen zusammen, es dient der Völkerverständigung und dem friedlichen Miteinander, es schlägt Brücken zwischen Kulturen, fördert Toleranz gegenüber Andersdenkenden und baut Vorurteile ab. Dieser Grundgedanke treibt uns bei Studiosus seit jeher an, und ich glaube, er ist in unserer heutigen Zeit, in der Nationalismen wiedererstarken, besonders wichtig. Es wäre fatal, wenn die junge Generation nicht mehr reisen und sich abschotten würde. Völkerverständigung lebt davon, dass Menschen sich begegnen.

Aber Reisen belastet auch die Umwelt. Was tun?

Die Reisebranche sollte sich auf die Dinge konzentrieren, die sie beeinflussen kann und ihren sozialen und ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten. In den Reisezielen können wir Ressourcen sparen und Müll vermeiden. Es geht aber nicht nur um Umwelt, sondern  auch um Menschenrechte und soziale Verantwortung. Dazu gehören beispielsweise faire Arbeitsbedingungen. Als Mitglied im Roundtable for Human Rights in Tourism achten wir darauf, dass die Busfahrer auf unseren Reisen eine angemessene Unterkunft haben, um sich von der Arbeit zu erholen, und wir haben unsere  Leistungspartner weltweit vertraglich dazu verpflichtet, Sozialstandards einzuhalten und beispielsweise Kinderarbeit zu ächten. Auch das gehört zur Nachhaltigkeit.

Hat die Reisebranche das Thema Klimaschutz verpennt?

Ich glaube nicht, aber sie hat zu lange eine Vogel-Strauß-Politik betrieben und den Kopf in den Sand gesteckt. Die Reisebranche hätte die Nachhaltigkeit ihres Tuns früher offensiv anpacken müssen.

Viele Reiseunternehmen engagieren sich wie Studiosus schon lange für Nachhaltigkeit. Wurde das bisher nicht offensiv genug kommuniziert?

Es stimmt, dass viele Veranstalter aktiv sind und sich besonders in den Zielgebieten sozial und ökologisch engagiert haben, aber es könnten noch mehr sein. Richtig ist aber auch, dass sich die Kunden und auch die Reisebüros bis zum Aufkommen der Fridays-for-future-Bewegung recht wenig für diese Themen interessiert haben. Auch die Medien haben Nachhaltigkeit selten aufgegriffen. Da ist jetzt aber etwas in Bewegung geraten und diesen Rückenwind sollten wir nutzen.

Wie sollten Reisebüros auf Klimabedenken von Kunden reagieren?

Auf jeden Fall nicht versuchen, das Thema unter den Teppich zu kehren. Reiseverkäufer sollten es aktiv aufzugreifen. Ja, Fliegen verursacht CO2 und ist nicht gut fürs Klima, aber man kann den Ausstoß der Treibhausgase kompensieren. Das ist sicher nur die zweitbeste Lösung, aber eine reale Möglichkeit, durch Einsparungen an anderer Stelle die schädliche Wirkung auszugleichen. Kompensation ist kein Ablasshandel, was oft fälschlich behauptet wird. Hier kauft man sich nicht einfach frei. Mit dem Geld werden ja tatsächlich Klimaschutzprojekte finanziert, die CO2 einsparen. Durch unser Engagement in Südindien sind beispielsweise bereits über 3200 Biogasanlagen entstanden, mit denen wir seit 2012 alle Bus- Bahn- und Schiffsfahrten auf unseren Reisen ausgleichen.

Wie kommt die freiwillige Kompensation beim Kunden an?

Die Zahl unserer Kunden, die ihre Flüge kompensieren, hat im ersten Halbjahr 2019 um 40 Prozent zugenommen. Wir bewegen uns aber trotzdem noch im einstelligen Bereich.

Studiosus kompensiert den CO2-Ausstoß aller Beförderungsleistungen im Zielgebiet, aber nicht den Flug dorthin. Warum nicht?

Das hat einen einfachen Grund. Wenn wir die Kompensation des Fluges mit einkalkulieren würden, wäre zum Beispiel eine Indien-Reise rund 50 Euro pro Person teurer. Damit würde die Reise im Verhältnis zu unseren Marktbegleitern mehr kosten.

Studiosus-Reisen sind nicht gerade billig. Machen da 50 Euro für einen Indien-Trip wirklich den Unterschied?

Auch unsere Kunden vergleichen. Eine normale Rajasthan-Reise bieten wir ab 2.000 Euro an. Da machen 50 Euro manchem Reisenden schon etwas aus.

Aber wäre es nicht gerade jetzt ein prima Verkaufsargument, wenn Sie Ihre Reisen komplett klimaneutral stellen würden?

Wir haben das tatsächlich in diesem Jahr überlegt. Bei den derzeit äußert niedrigen Kompensationskosten für eine Tonne CO2 wäre das zu überschaubaren Mehrkosten denkbar. Aber es ist abzusehen, dass der CO2-Preis  in den nächsten Jahren deutlich steigt. Hier muss es einen Zwang für alle geben, damit die Wettbewerbsneutralität hergestellt wird. An dieser Stelle würde ich mir eine gesetzliche Regelung wünschen.

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