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20. Januar 2020 | 07:00 Uhr
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Immer mehr Reisebüros geben Bahnticket-Verkauf auf

Das neue Provisionsmodell der Deutschen Bahn zwingt viele Reisebüros zu Beratungszuschlägen oder zum Ausstieg aus dem Fahrscheinverkauf. Das schadet den Kunden und dem Schienenverkehr – und deshalb hagelt es Kritik. Die Zahl der Bahnagenturen könnte erstmals unter 2.000 sinken.

Bahn Fahrkartenautomat Foto Deutsche Bahn AG.jpg

Abgeschoben an Automaten und die App: Wegen der schlechten Konditionen geben immer mehr Reisebüros den Fahrkartenverkauf auf

Der Erfolg seiner Protestaktion freut Michael Kotzurek. In kurzer Zeit hat der Berliner Reisebüroinhaber mehr als 8.000 Unterschriften gesammelt, die eine angemessene Vergütung für den Verkauf von Zugtickets fordern. Denn das neue Provisionsmodell der Bahn, das seit Jahresbeginn gilt, bringt vielen Vertriebsstellen massive Einbußen. Auch für Kotzurek: "Wir bekommen ein Drittel weniger."

Online- und Eigenvertrieb haben für die Bahn Vorrang

Die Folgen sind für ihn klar. "Die Kürzungen der DB werden zu weniger Servicequalität im Verkauf führen und die Zahl der Reisebüros mit DB-Lizenz weiter verringern", befürchtet der Unternehmer. Seine Agentur GBFR-Reisen in Berlin-Friedenau ist seit vielen Jahren Vertriebspartner des DB-Konzerns mit einem Ticketumsatz von rund 1,6 Millionen Euro pro Jahr. So viele Fahrscheine verkaufen nicht viele.

Umso erstaunlicher, dass der Staatskonzern solche Partner nachhaltig verärgert. Doch bei der Bahn hat der Online- und Eigenvertrieb inzwischen Vorfahrt. Die App DB-Navigator ist mit 42 Millionen Downloads seit 2009 mittlerweile die bedeutendste Reise-App Deutschlands. 105 Millionen Handy-Tickets wurden bereits verkauft, Tendenz stark steigend.

Bahn verliert 200 Vertriebspartner in einem Jahr

Die Kehrseite der teuren Online-Offensive: Der Ticketverkauf mit Beratung wird weiter ausgedünnt. Die Zahl der Reisebüros, in denen man noch Fahrscheine kaufen kann, ist inzwischen auf rund 2.100 gesunken, wie der Konzern einräumt. Allein voriges Jahr zählte man 200 Partner weniger. Seit 2007 hat mehr als jede dritte Agentur den Verkauf beendet, weil die Bahn ihre Vergütung immer mehr kürzte. Insgesamt gingen deshalb rund 1.200 Vertriebs- und Beratungsstellen für die Kunden verloren.

Das Provisionssystem ist komplex, die Verträge gelten drei Jahre. Beim bisherigen Modell gab es vier Kategorien. Die attraktivsten Konditionen von bis zu neun Prozent bei Tickets für den Fern- wie Regionalverkehr bekamen 475 Agenturen in und bei jenen Bahnhöfen, wo der Konzern keine eigenen Schalter mehr hat, aber zu persönlicher Bedienung verpflichtet ist. Die Präsenzpflicht ist in den Verträgen für den Regionalverkehr mit den Aufgabenträgern der Bundesländer geregelt.     

Kümmerliche Provisionen schrecken Reisebüros ab   

Die Vergütungen hören sich besser an sie sind. Im bisherigen wie im neuen Modell gibt es erst mal meist nur kümmerliche zwei Prozent Grundprovision, bei 20.000 Euro Umsatz also gerade mal 400 Euro. Erst mit höheren Erlösen wächst der Anteil, im besten Fall auf sechs Prozent, aber erst ab 70.000 Euro Umsatz. Weitere vier Prozent fließen, sofern die DB Präsenzpflicht hat, aber kein Reisezentrum vor Ort und die Agentur maximal 500 Meter vom Bahnhof entfernt liegt. Nur ein Bruchteil der Lizenzpartner kann aber davon profitieren.

Mit dem neuen DB-Modell werde nun noch mehr Reisebüros "die Luft zum Überleben regelrecht abgeschnürt", kritisiert Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Damit verschwinde in vielen ländlichen Regionen ein wichtiger Vertriebsweg für Bahntickets. Dieser Rückzug der Bahn aus vielen Reisebüros sei der falsche Weg: "Auch im Zeitalter der Digitalisierung ist für viele Menschen eine persönliche Beratung sehr wichtig."

Zumal Bahnreisen durch die Klima- und Flugscham-Debatten auf erfreulich wachsendes Interesse stoßen. Da sind gerade Fachleute in den Agenturen gefragt, die bei der Buchung von Urlaubs-, Auslands-, Familien- und Gruppenreisen mit dem Zug gut beraten können. Doch genau diese Berater drohen weiter verloren zu gehen.

150 Unterschriften unter neue Verträge stehen noch aus

Ein DB-Sprecher hält dagegen, dass 93 Prozent der 2.100 Agenturen die neuen Verträge unterschrieben haben. 150 Rückmeldungen stünden noch aus. Demnach könnte also die Zahl der Lizenzpartner erstmals auf unter 2000 sinken. Ziel sei, den Kunden „bestmöglichen Service zu bieten“, versichert die Bahn. Dazu entwickle man verstärkt digitale Angebote: Chatbots, Video-Reisezentren und Auskunfts-Roboter.

Hans Doldi kann über die Zustände bei der Bahn nur den Kopf schütteln. Der 75-jährige Inhaber des DER Reisebüros Hamm hat als früherer Vizepräsident des Deutschen Reiseverbands und Vorsitzender des DRV-Ausschusses Bahn viele Jahre für faire Vergütungen der Agenturen gekämpft. Seine Prognosen, dass viele Reisebüros bei Kürzungen den Ticketverkauf aufgeben werden, haben sich bewahrheitet.

Doldi und sein Berliner Branchenkollege Kotzurek haben trotz der schmerzhaften Kürzungen ihre DB-Lizenzen behalten. Damit sich das Ticketgeschäft aber noch halbwegs rechnet, müssen Kunden seit Januar für die Beratung fünf Euro zahlen. Im Vergleich zur Online-Buchung bei der Bahn ist das Ticket damit zwar teurer. Aber nicht selten finden die Profis im Tarifdschungel günstigere Angebote – und dann hat sich die Buchung im Reisebüro mehr als ausgezahlt.        

Thomas Wüpper

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