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15. August 2021 | 17:47 Uhr
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Nach dem Lockdown ist vor dem Fachkräftemangel

56 Prozent der Beherbergungsbetriebe in Deutschland klagen nach der jüngsten Erhebung des Ifo-Instituts über fehlendes Personal, in der Gastronomie sind es 34 Prozent. Reisebüros und Veranstalter, deren Geschäft nur schleppend wieder anläuft, drückt der Schuh derzeit noch eher an anderer Stelle. Nur 16 Prozent von ihnen stellen Personalmangel fest.

Hotel Rezeption Klingel Geschlossen NEU Foto iStock style-photography.jpg

Touristik, Hotellerie und Gastronomie sind in der Coronakrise viele Mitarbeiter von der Fahne gegangen

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Seit Jahren warnen Verbände wie der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga und der Reiseverband DRV vor dem Fachkräftemangel. Bereits vor der Coronakrise zeichnete sich ab, dass etwa junge Leute andere Branchen attraktiver finden als Hotellerie, Gastronomie und Touristik. So ergab erst im April eine breit angelegte Umfrage unter Studierenden, dass bei ihnen Automobil, Pharma, Beratung und Wirtschaft vorne liegen. Weder Touristik noch Hotellerie schafften es unter die Top 10.

Hausgemachte Probleme

Die Gründe dafür sind zu einem guten Teil hausgemacht. Hohe Belastung, ausufernde Arbeitszeiten und niedrige Löhne prägen in unterschiedlicher Gewichtung die Touristik wie auch das Gastgewerbe. Die Coronapandemie hat diese Entwicklung noch verschärft. Hotels, Restaurants Reiseveranstalter und Reisebüros mussten dichtmachen oder konnten kein Geschäft generieren, die Mitarbeiter waren in Kurzarbeit, wenn sie nicht ohnehin als Saison- oder Aushilfskräfte vor die Tür gesetzt wurden. Allein der Gastronomie haben im Zuge der Corona-Folgen rund 400.000 Beschäftigte den Rücken gekehrt.

Hinzu kommen Signale der Großen der Branche, die ihre schon zuvor begonnenen Sparmaßnahmen beim Personal im Zuge der Pandemie verstärkten. Allein TUI kündigte im Mai 2020 den Abbau von 8.000 Stellen weltweit an, 30 Prozent der Verwaltungskosten sollten damit eingespart werden. Bei DER Touristik sollten laut Mitteilung vom Dezember rund 250 Vollzeitstellen wegfallen.

Zusammen mit den Stellenabbauplänen von Lufthansa im fünfstelligen Bereich sandte dies an nüchtern kalkulierende Arbeitnehmer eine eindeutige Botschaft aus: "Such Dir lieber eine andere Branche, wenn Du kannst." Zwar werden vereinzelt auch in der Touristik schon wieder neue Stellen geschaffen. So sagte der Chef des Gruppenreisespezialisten Chamäleon, Ingo Lies, kürzlich gegenüber Reise vor9, er habe allein im vergangenen Monat zehn neue Mitarbeiter eingestellt. Zur Wahrheit gehört freilich auch: Während der Krise hatte 25 Mitarbeiter das Unternehmen verlassen.

Keine Verlockung für den Nachwuchs

Vor allem um Beschäftigte der Hotellerie und Gastronomie bemühten sich zudem Unternehmen anderer Branchen. So warb etwa der Discounter Lidl vorübergehend mit dem Slogan "Bar war gestern" um Mitarbeiter. Nach einem Shitstorm stellte Lidl die Kampagne ein; ihre Wirkung dürfte sie aber nicht verfehlt haben.

In einem hörenswerten Spiegel-Podcast berichtet Oliver Riek, seit fast 20 Jahren in der Gastronomie beschäftigt, gewerkschaftlich aktiv und Betreiber der Facebook-Seite Gastronomicus, aus dem Innenleben der Branche. Sein Fazit: Arbeitsbedingungen und Bezahlung gehen an den Anforderungen junger Menschen an Planungssicherheit, Freizeit und Einkommen vorbei. Zitat: "Wenn ich meinen Rentenbescheid ansehe, werde ich wohl Flaschen sammeln müssen."

Es trifft wohl nicht jedes Detail der Analyse auf die Nachbarbranchen Hotellerie und Touristik zu; eine Schnittmenge an gemeinsamen Problemen weisen sie gleichwohl auf. Hinzu kommt: Beschäftigte aus diesen Sektoren sind in anderen Branchen oder in der Verwaltung durchaus gefragt, wenn es nicht gerade um hochspezialisiertes Fachwissen geht. Sie gelten als belastbar und flexibel.

Staatliche Zuschüsse für Ausbildung

Um dem negativen Trend, der sich während der Lockdowns deutlich abzeichnete ohne die ohnehin brachliegenden Branchen sofort zu treffen, etwas entgegenzusetzen, forderte der DRV bereits 2020 eine staatliche Teilfinanzierung von Ausbildungsverträgen. Außerdem forderte der Dehoga Bundesverband gemeinsam mit der Gewerkschaft NGG Ende 2020, die Förderbedingungen für die jüngst modifizierte Ausbildungsprämie nachzubessern und in Betrieben mit hohem Kurzarbeitsanteil nicht nur für Azubis, sondern auch für Ausbilder, die nicht in Kurzarbeit sind, einen Vergütungszuschuss.

Ob das reicht, um wieder mehr Menschen für die anstrengenden Jobs in der Reise-, Restaurant- und Hotelbranche zu begeistern, darf getrost bezweifelt werden. Wenn dem Sektor nur noch hartgesottene „Überzeugungstäter“ bleiben, hat er zwar sicher motivierte Mitarbeiter. Aber es könnten zu wenige qualifizierte Kräfte sein, um Kunden und Gästen die angemessene Servicequalität zu bieten.

Christian Schmicke

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